Dienstag, 9. August 2011

Ueberleben in Frankreich

Liebe Freunde zu Hause!
Oft bin ich schon gefragt worden, wie ich in Frankreich zurecht käme, mit den Verhältnissen, dem Essen und der Sprache? Vielleicht erklärt folgender Bericht einiges auf.

Zuerst einmal, die Qualität der Quartiere und da nehme ich einmal beispielshaft das von gestern auf heute her. Das Zimmer gefällt mir und es scheint auch sauber zu sein. Am NM beim Duschen nehme ich den Zustand als gegeben hin. Dass ein Duschkopf über Kopf und fixierbar ist, das erwarte ich nicht mehr. Es stört mich auch nicht, wenn ich trotz Müdigkeit in den Beinen, in der Dusche hin- und herlaufen muss, damit mich die wenigen Wasserstrahlen erwischen und abschwemmen. Dass die Wasserhähne vertauscht sind - warm ist rechts und kalt links, trotz anderer farblicher Markierung, ist auch fast normal und man merkt es von selbst, wenn der Rücken von einem brühend heißem oder von einem kaltem Strahl abgeduscht wird, dann kann man sich entsprechend richten.
Interessant wird es abends, wenn die Betätigung eines kleinen metallenen Schalters keine erhoffte Wirkung hat - es bleibt finster in der Sanitärecke. Gewitzt von anderen Erfahrungen taste ich die Lampe ober dem Spiegel nach einem weiteren Schalter ab. Das Einzige was ich zu fassen bekomme, ist die gesamte Lampe, die jetzt mit zwei Kabeln hintenan, in meinen Händen liegt. Leider habe ich mein E-Werkzeug nicht mit, denn dann wäre das Problem keines mehr. So drücke ich die Lampe mit den Befestigungsdübel wieder in die Wand und übergebe somit das Problem meinem Nachfolger. Ich gebe mich in der Badeecke mit 4-5 Watt der 25-Watt-Beleuchtung des Wohnzimmers zufrieden und beim Rasieren am Morgen stelle ich mir das Nachtkästchenlicht auf das Glasfach und sehe mich leidlich genug, aber ich kenne mich nun eh schon seit 61 Jahren.

Und nun ein beispielshafter Exkurs über die Essenserfahrungen und die Sprachenkenntnisse.
Leider bietet meine Zimmervermieterin keine Halbpension an und ich muss mich ernährungstechnisch ins feindliche Gebiet, sprich Bar/Restaurant begeben.
Wie immer bin ich viel zu früh dort, schließlich sind wir es gewohnt früh zu essen und der Pilgermagen ist auch schon leer. Es gab untertags nur ein Sandwich, eine Schnittensüßigkeit und ein kleines Schokogebäck von einer Bäckerei und das für 32Km. Da ist es verständlich das sich Pilger wie hungrige Katzen schon vor den Öffnungszeiten der Wirtshausherde um die Essenszentren herumtreiben.
Vor den Tischen auf und ab zu gehen schaut auch blöd aus und so nehme ich Platz und bestelle ein Pilgergrundnahrungsmittel - ein Bier und das schmeckt. Dann im Vorbeigehen meine ich zur Kellnerin, "le menu?" und zeige auf die Tafel mit einer diesbezüglichen Aufschrift. Ich will ein günstiges Menü essen, dass ein Knochengerüst (siehe Vorbericht) sättigt und füllt. Ich wollte wissen ob es das Menü gibt und ich es bekommen kann. Die Kellnerin bestätigt meinen Wunsch und deckt meinen Tisch auf, mit den obligaten Papiertischsets, Besteck und Weinglas. Die Papiersets sind in Frankreich entweder mit Werbeinseraten bedruckt oder in diesem Fall sinnigerweise mit der Speisekarte. Ich brauche sie nicht, denke ich, sie bringt mir gleich, bzw. wenn die Küche öffnet, das Menü.
So sitze ich und warte und trinke mein Bier und weil ich Zeit habe übersetze ich mit meinem Handyübersetzer das Hauptgericht des Menüvorschlags: "Tendrons de Veau ..." - das hat was mit "Brustspitzen" zu tun (Super!), aber vom Kalb (anders wäre es attraktiver gewesen). Was auch immer das ist, ich bin aufgeschlossen für die regionale Küche und lasse mich überraschen.
Auf einmal kommt die Kellnerin, ob ich gewählt hätte. Nein, ich will ja das Menü, das mit den Brustspitzen, eh schon wissen :-)
Menü gibt es aber nicht und ich muss mir aus der Karte mein Menü zusammen suchen. Na gut, jetzt muss es schnell gehen, denn die Essenskonkurrenz ist groß, aber größer ist der Pilgerhunger. Nun muss ich etwas wählen, das mit minimalsten Aufwand (Geld) einen höchstmöglichen Sättigungsgrad erreicht. Also muss es eine Vorspeise sein, denn da gibt es einen Korb Brot dazu und das alleine füllt einen Teil des Magens. Und dann noch eine zünftige Hauptspeise. Das sollte reichen, dass gar keine Gelüste für teuren Käse oder verlockender Nachspeise mehr aufkommen.
Ich wähle also: Salade de gesiers (im englischen Teil der Speisekarte kann ich Huhn identifizieren) und Hache frites (faschiertes Leibchen oder Hamburger mit Pommes). Damit schätze ich, werde ich satt.
Dazu bestelle ich ein 1/4 Pichet Rose und deute auch auf die Karte. Dazu möchte ich auch eine "Carafe de l'eau". Die Kellnerin frägt mich noch ob es eine große sein soll. Natürlich, ich habe Durst und Wasser ist gratis.
Bekommen habe ich sogar einen Liter Wasser, aber auch einen halben Liter Rosewein. Na gut, an einem zusätzlichen 1/4 Wein wird es bei mir nicht scheitern und mir wird es schmecken.
In der Wartezeit schaue ich nach was "Salade de gesiers" vom Huhn ist. Es ist ein Salat mit Hühnermägen. Kein Problem, den ich weiß, das die Hühnermägen gut schecken und so war es auch. Sie waren auf Salat angerichtet und mit Dressing verfeinert. Es hat geschmeckt und dazu habe ich alle sechs Stück Baguette (kleine Stücke) gegessen - sie sind lecker und cross gebacken und sie füllen den Magen! Die Hochrechnung ergibt: Ich werde satt werden!
Es kommt die Hauptspeise, so wie ich es vermutet und bestellt habe und ein weiteres Körbchen Brot. Beides lasse ich mir schmecken, aber anstandshalber lasse ich zwei kleine Stücke Brot im Körberl über - ich bin satt und könnte nichts mehr essen. Zwanzig Euro habe ich dafür bezahlt, dafür ist das Zimmer billig.
In der Unterkunft wäre noch ein Schnaps gut, denn die 10 (kleinen) Brote waren vielleicht doch zu viel :-)

Und nun zum Tagesbericht.
In diesem Quartier gibt es fürs Frühstück "Self Service". Somit brauche ich nicht warten und kann gleich nach dem Munterwerden (6h) mich fertig machen und schon um 7h bin ich in den noch sehr grauen Morgen losgegangen. Man merkt hier schon sehr den westlichen Standort - ich schätze, dass die Sonne mindestens um eine Stunde später aufgeht.

Das frühe Losgehen wird belohnt von einer tiefen Stille. Keine Menschen und Pilger sind unterwegs. Es ist ein Genuss und es scheint nun wirklich etwas weniger los zu sein, denn ich treffe nur wenig "Pilger".
Das gibt auch Ruhe für den Pilger Walter. Ich kann den Weg genießen und ohne Druck gehen. Am VM bummle ich sogar und genieße die Natur.
Weite Sonnenblumenfelder wohin man schaut. Meist sind sie schon abgeblüht, aber eines erlebe ich in Hochblüte - es ist wunderschön. Kurios ist, was oft ungezählte Pilgerkomiker aus den Sonnenblumen am Wegrand machen. Sie zupfen die kleinen Blütenkelche aus dem Kerngesicht in einer Art aus, dass sich mit den dunklen Kernen ein Smilie-Gesicht bildet. Und so begleiten meinen Weg nicht nur tausende Sonnenblumen, sondern auch zig Smilies am Wegrand.

Nur ein paar hundert Meter vom Talboden weg, wird der Boden wieder unfruchtbar und nach dem Sonnengelb kommt nun das lilafärbige der hohen Disteln, gemischt mit dem Blau der Kornblumen ins Blickfeld.
Auf der anderen Seite lockt das Schwarz reifer Brombeeren und nicht weit davon ist der Boden rot-blau bedeckt von den abgefallenen Zwetschken einer großen Plantage. Die Früchte sind schon überreif, picksüß und sehr saftig. Ich gebe mein OK für die Ernte zur Schnapsgewinnung.

Bald sind wieder weite Sonnenblumenfelder zu sehen und auch kleine Bambuswäldchen (!) sind zu finden.
An den Südhängen wird Weinbau betrieben und auch die Trauben nehmen schon Farbe an und werden schon blau.

Dann steht ein steiler Aufstieg am Progamm. Es ist sehr erdig-steiniges Bergaufstück und der Weg ist zum Glück trocken. Sonst wäre der Aufstieg schwierig, es wurde dafür auch extra ein Seil gespannt. Auch der Abstieg von der Hochebene war gleichfalls so schwierig zu begehen, auch hier gab es Seile zum Festhalten. Bei Regenwetter möchte ich hier nicht gehen.

Nach 16Km ist der wunderschöne Ort Lauzerte erreicht. Er liegt am Hügel und ist schon von weitem sichtbar. Der kleine Dorfplatz ist von einer schlichten Schönheit und die Häuser sind wunderbar renoviert.
Noch ist es ruhig hier (um 11h) und ich kann in Ruhe meine Jause am Dorfplatz verzehren, doch laufend kommen nun Touristen, die sich dieses Kleinod ansehen wollen. Von dem Dorf hat man auch einen fantastischen Rundumblick in die Umgebung.
Bis hier gehörte das Wegstück zu den attraktivsten, die ich "erleben" durfte und ich genoss das schöne Gehen.

Die Pause in Lauzerte hat statt Erholung eher das Gegenteil bewirkt. Ein wenig müde bin ich weiter gegangen. Die Füße wollten rebellieren, aber da gabs von mir keinen Pardon, auch sie müssen mit und weitergehen.
Vielleicht lag es daran, dass es wenig spektakulär, aber doch immer wieder auf und ab ging. Im Wanderführer gleicht das abgebildete Höhenprofil des heutigen Tages den spitzen Zähnen eines Sägeblattes.

Heute war ein Obsttag. So viele verschiedene Obstsorten habe ich heute am Weg genossen. Zuerst reife Brombeeren, dann eine große Hand voll Zwetschken. Vom Frühstück hatte ich eine reife Pfirsich und eine saftige Nektarine mit. Unterwegs hat dann jemand einen Stand mit saftigen Zuckermelonen und auch einem Messer bereitgestellt (für freie Spende) und später habe ich noch einen roten Apfel von einem Baum verkostet. Er war schon recht reif und hätte sicher nicht verkauft werden können, weil er Hageldellen hatte.

In einem sehr schönen Herrenhaus fand ich heute ein komfortables Zimmer, eigentlich eine Suite und hier lasse ich es mir jetzt gut gehen. Den Mehrpreis zu den Herbergsbetten nehme ich gerne in Kauf. Hier bekomme ich am Abend auch zu Essen und brauche nirgendwo hingehen. Ich wüsste zwar nicht wohin, denn sonst gibt es hier nichts.

Liebe Freunde, nach einem schönen und doch auch anstrengenden Tag, schicke ich Grüße in die Heimat - alles was östlich von mir ist, ist Heimat!
Euer Pilger Walter

Montag, 8. August 2011

Wieder am Jakobsweg

Liebe Freunde!
Das Zurückfahren nach Cahors zum JW hat genau so problemlos funktioniert, wie die Heimfahrt. Auch wenn das Flugzeug von München eine halbe Stunde Verspätung hatte, war noch ein genügend großer Zeitbuffer bis zur Zugabfahrt vorhanden. Auch die Rezeption der Jugendherberge war besetzt (was nicht immer der Fall ist) und so war das Wiedereinchecken mit dem Auslösen meines "Ho Ruck - Sack du" auch kein Problem.

Die drei Tage waren für mich eine gute Erholung und ich habe im Familienkreis und mit den Freunden bei der Geburtstagsfeier meiner Schwiegermutter meine Körperbatterien wieder aufladen können, um gestärkt den noch erheblichen Rest meines Weges erfolgreich beschreiten zu können.

Im Flugzeug nach Toulouse hatte ich eine sehr angenehme Sitznachbarin, mit der ich mich gut unterhalten konnte (besonders über den JW). Sie ist in München eine selbständige Buchlektorin, auch für Reisebücher. Sie hat sich an meinem Tagebuch interessiert gezeigt und wird es sich nach dem Urlaub ansehen und mir auch ihr Urteil abgeben, ob es für ein Buch genügend Potential hat. Das wäre sehr interessant, auch wenn ich nicht auf ein Buch hinarbeite. Jetzt am JW zählt nur der JW und ich werde meine Berichte wie bisher für Euch alle verfassen. Was danach kommt, das überlasse ich jetzt noch dem Herrgott.

Etwas wäre noch von zu Hause nachzutragen: Meine Frau meinte, ich sei ein Knochengeist, weil ich 5 bis 6Kg abgenommen habe. Dem muss ich energisch widersprechen, den um die Knochen herum gibt es noch feste Muskelpartien, ohne die ich den Weg nicht gehen könnte.
Aber dieses Knochengerüst musste sich heute Nacht, von seinem Bett in der Jugendherberge dangsalieren lassen. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Die Zimmer selbst, sind auf der Stufe einer Gefängniszelle und die Häftlinge in der modernen Justizanlage in Leoben wohnen sicher konfortabler.
Besonders arg war diesmal die Matratze und das Bett. Das Bett hatte keinen Einsatz, sondern nur fixe Stahlverstrebungen und da lag eine jahrzehntealte Federkernmatratze darauf. Alles was diese Matratze jemals konfortabel gemacht hat, war längst durchgelegen und so musste Euer Pilger Walter auch in der Nacht Buße tun, denn jede Stahlfeder spürte Euer Knochengespenst und von einem angenehmen Ruhen war keine Spur. Da gibt es das Märchen von der "Prinzessin auf der Erbse" und wer schreibt sowas vom "Pilger am Stahlgerüst"?
Ich kann Euch nur sagen, dass war eine laaange Nacht, nochdazu sind oberhalb meines Zimmers anscheinend Wohnungen und der Besitzer kam um 1:30 heim und werkte etwa zwei Stunden herum und ging immer auf und ab. Nur der Boden, der die Decke meines Zimmers war, ist ein ganz einfacher Holzboden mit entsprechendem Lärmpegel. Somit hatte die Nacht etwas von Stasimethoden - den Verdächtigen nicht schlafen lassen und ihn dann auf den ungezählten bohrenden Stahlfedern liegend, wahnsinnig werden lassen, bis er alles gesteht (zum Beispiel, warum er sich den JW antut).
Für diese Auberge de Jeunesse vergebe ich taxfrei "Drei Daumen nach unten" und warne alle Nachahmungstäter.

Mit frischem Schuhwerk, also mit "neuen" alten Bergschuhen und mit neuen orthopädischen und auf meine Füße angepassten Sporteinlagen ging es heute auf den lächerlichen "Rest" des JW mit etwa 1.200Km. Die neuen Einlagen merkt man schon, denn sie federn den Tritt wieder etwas ab und doch mussten sich meine Füße wieder an die neue Umgebung anpassen. Der Weg des heutigen Tages war fast wie eine Teststrecke für Pilger bzw. ihre Füße.
Alles was sich ein Pilger (nicht) wünscht, war heute vertreten.
Ein sehr steiler Anstieg mit Felsstiegen, Wanderwege, Geröllstrecken und Asphaltstraßen mussten bei der heutigen 32Km-Etappe begangen werden. Ein Test für den pausierenden Pilger und für sein Schuhwerk.

Testergebnis:
- Schuhwerk und Füße ok, keine zusätzlichen Erschwernisse, wie Blasen usw.
- Pilger noch nicht voll funktionsfähig. Blickfeld, Reaktion und Aufmerksamkeit sind verbesserungswürdig, damit nicht weitere Stürze auf der Tagesordnung sind.

Ihr habt richtig gelesen, heute hat es mich erwischt. Einmal nicht gut aufgepasst, weil ich beim Gehen den Führer zu Rate ziehen wollte, und ich übersehe ein etwa 10cm tiefes Loch in einer groben Asphaltstraße und Euer Pilger Walter küsst französischen Boden mit einem Kniefall ins Gestein. Es ist ausser ein paar Abschürfungen - linker Handballen, rechter Ellbogen und rechtes Knie - nicht viel passiert. Handballen und Knie besprühte ich mit einer antiseptischen Lösung und gab zum Schutz ein Pflaster darauf.
Keine Sorge, ich bin wieder ganz ok.

Der Gehttag an sich, schließt an die voran gegangenen Etappen an. Er war sehr erreignislos. Die Landschaft ist weiter durch die Kalkböden so karg, dass kaum etwas wächst oder der Boden sich als Weide eignet und so ist auch kaum eine menschliche Besiedelung zu finden. Einzig einige Sonnenblumenfelder und später dann große und weiter Sonnenblumenkulturen wachsen hier. Wenn sie noch nicht abgeblüht sind, sind sie auch eine Augenweide im trostlosen Land.

Auf den ganzen 1.600Km habe ich bis auf einen weit entfernten Rehbock und ein paar Kaninchen keine Wildtiere beobachten können. Und heute hatte ich ein tragisches Erlebnis. Nur etwas 5m neben der Straße sehe ich liegend im Gras einen Rehbock, der auch nicht flieht, als ich heran komme. Er dürfe verletzt oder sterbend gewesen sein, auch wenn man nichts erkennen konnte. Das Haupt hielt er noch hoch,aber seine Augen hielt er geschlossen. Er tat mir leid und ein Jäger hätte ihn erlösen können.

Vom Wetter wurde ich heute gut bedient. Es war bedeckt bis sonnig und es ging ein starker Wind. Gegen Mittag trieb er zwar einen kleinen Regenschauer daher, aber meine Bittmails nach oben haben doch geholfen. Gleich wieder hat es aufgehört zu Regnen und nach meiner Mittagsrast und Jause in geschützter Lage, konnte ich gleich wieder weitergehen. Nun hatte der Wind den Himmel fast freigeputzt und ohne Wettersorgen erreichte ich mein Ziel Montquc.
Heute habe ich wieder Glück bei der Quartierfrage und bekomme wieder ein gutes Privatquartier und das zentrumsnah. Interessant ist hier, dass der Ort für Engländer als Zweitwohnsitz sehr beliebt sein soll. Ich hoffe aber, dass das Essen nicht "very british", sondern bodenständig französisch ist.

Wieder kann ich einen Tag von meinem Kalenderstreifen abschneiden. Es sind nur mehr 43 Tage zu gehen und da wünsche ich mir wieder gute Gehtage, die anregend sind.

Euer Pilger Walter

Sonntag, 7. August 2011

Ruhetage!

Liebe Freunde, die Ihr wieder Nachricht von mir haben wollt!

Hier bin ich wieder und es waren drei besondere Tage!
Nun kann ich es Euch verraten,was der Hauptgrund für die 3 Ruhetage war. Ich war für 1 (in Worten einen) Tag zu Hause und die beiden anderen Tage waren/sind Reisetage.
Spinnt er, der Pilger Walter, werdet Ihr Euch fragen? Nein, oder vielleicht doch!
Das Nachhausefahren war von langer Hand vorbereitet und hatte einen für mich wichtigen Grund. Es war eine geheime Komandosache meiner Familie und mir. Ich wollte als Überraschungsgast bei der Geburtstagsfeier zum 90. Geburtstag meiner Schwiegermutter dazu kommen. Sie macht sich auf Grund ihres Alters viele Sorgen um mich, wie ich so weit und so lange weg sein kann. Und mein Geburtstagsgeschenk an sie, ist meine Kurzheimkehr direkt zu ihrer Feier mit der ganzen Familie, den Freunden und Bekannten. Und die Überraschung ist auch voll gelungen, für die Schwiegermutter, die es nicht fassen konnte, dass ich extra nach Hause gekommen bin und für alle anderen Gäste, die glaubten, mein Geist kommt bei der Türe herein :-)

Wie ist das abgelaufen, werdet Ihr Euch vielleicht fragen?
Am Donnerstag, den 4.8. bin ich eine normale Etappe marschiert. Wie Ihr aus dem Tagesbericht lesen konntet, war ich in Gedanken oft nicht am JW und musste Umwege dafür hinnehmen. Ja, ich war in Gedanken und Vorfreude an das Daheim und die Familie, und ich war ganz wo anders als am JW. Nach 64 Abwesenheitstagen ist das nachvollziehbar, so glaube ich.
Am Zielort der Etappe habe ich auf den Bus gewartet, der mich zwei Gehetappen (ca. 58Km) weit, nach Cahors bringen sollte. In Cahors habe ich genächtigt und bin am Freitag mit dem Zug und einem Macel-Pravy-Koffer (Plastiksackerl) voll Wäsche nach Toulouse gefahren. Dort habe ich das Flugzeug nach Graz, mit Umsteigen in München, genommen und Peter hat mich abgeholt und nach Hause gebracht. Da war ich vor 22h voll Freude bei meiner Frau und auch wieder einmal in MEINEM Bett. Ausspruch wie ich dann ins Bett gegangen bin: "Mein Bett, meine Frau!"
Am Samstag, wurde meine ganze Wäsche gewaschen (die restliche Ausrüstung blieb im Quartier in Cahors). Nur meine Schuhe zeigten bei den Knickstellen Falten und Risse und auch der hochgezogene Gummischutz löste sich ab und ich befürchtete, dass sie nicht mehr dicht halten. So habe ich sie für eine Reklamation mitgenommen bzw. ich bin mit den Bergschuhen an den Füßen an den Beinen heimgefahren. Mit meinen alten Bergschuhen gehts es wieder auf den Weg und ich hoffe damit in SdC anzukommen.
Dann gab es naturgemäß noch andere Dinge zu Hause zu erledigen und vor allem zu erzählen. Voll Freude konnte ich dann auch mein Enkerl in die Arme nehmen, der mir nun schon entgegen und weglaufen konnte. Er ist inzwischen ein richtiger Schlingel geworden.

Am NM bin ich dann nach Beginn der Geburtstagsfeier, nach einem fingierten Telefonanruf aus der Ferne/Nähe, überraschend aufgetaucht und das war ein ungläubiges Staunen und ein Hallo, wie Ihr Euch denken könnt!
Ich muss Euch sagen, dieser Heimausflug hat mir sehr gut getan und hat mir sicher wieder Kraft zum Weitergehen gebracht.
Heute am Sonntag geht alles wieder verkehrt zurück. Ich sitze gerade am Flughafen in Graz und warte auf meinen Rückflug.
Es geht wieder bis Cahors und dort marschiere ich morgen am Montag wieder weiter. Die zwei Etappen von Cajarc bis Cahors, die ich mit dem Bus gefahren bin, bleiben von mir unbeschritten und so bleibe ich in meinem ursprünglichen Zeitplan mit dem schon vorher fixiertem Rückflug von SdC. Das Auslassen einzelner Streckenteile ist aber kein Problem, denn es ist immer MEIN Weg und ich habe genug KM beschritten. Es gibt auch keine Vorschriften wo, wie und wann man den JW beschreitet. Es ist immer eine Eigenentscheidung.

Folgenden Absatz habe ich am Donnerstag bei der Busfahrt und dann im Quartier geschrieben:

Ich sage Euch, das ist ein Genuss, nach dem langen und langweiligen Gehtag (31Km) mit dem Bus die ca. 58 Gehkilometer zu absolvieren. Sogar meine Füße jubeln auf und applaudieren! Mit dem Bus fährt man eine ganz andere Route durch den Nationalpark. Hier fährt der Bus im rasanten Franzosentempo auf einer schmalen Straße, a la alte Gesäusestraße, dicht entlang von ausgesprengten und überhängenden Felsenmauern und durch enge Tunnels. Auch die Landschaft ist hier wieder lebendig und an netten Orten geht es vorbei. Und wenn man so eine zeitlang fährt, kann man es sich nicht vorstellen, dass man das in zwei Gehtagen schaffen kann.
In Cahors angekommen bin ich vom (Bus)Bahnhof ca. 2Km durch die heiße Stadt zu meinem per Mail reservierten Quartier marschiert. Dort angekommen, wartete eine böse Überraschung auf mich. Es rührt sich niemand, obwohl ich auch die Busankunftszeit angegeben habe. S-U-P-E-R, nun kann ich um 1/2 8Uhr abends auf Quartiersuche gehen. Ich marschiere die 2Km zum Bhf. zurück, dort gibt es ein Hotel mit noch akzeptablen Preisen und es liegt günstig beim Bhf. Ja, es gibt ein Zimmer, aber NEIN, am Sonntag hat das Hotel geschlossen und ich wollte hier in der Zwischenzeit mein Gepäck deponieren. Also weitersuchen! Beim Vorbeigehen habe ich ein Hinweisschild zu einer Jugendherberge gesehen, die muss es zur Not auch tun, es war inzwischen schon 20h. Ich kriege auch ein Einzelzimmer und beziehe meine Strafzelle, so sieht das Zimmer fast aus. Aber egal, ich bin untergebracht und für diese und eine zweite Nacht tut es schon. Es ist dafür billig. Zum Essen gibt es den Rest meiner Notverpflegung - steirisches Hartwürstel mit verpackten Vollkornbrot. Mit viel Dazutrinken ist das Brot auch weich genug zum Hinunterschlucken.

Das war mein Bericht über meine besonderen Ruhetage (die Füße brauchten wirklich nicht viel leiden).
Euer Pilger Walter

Donnerstag, 4. August 2011

Weg der Irrnisse

Hallo Freunde!
Die Altstadt von Figeac hat mich gestern noch gefangen genommen. Es gibt hier einen markierten Rundgang, bei dem man bei allen Schönheiten der Stadt und bei den interessanten Stationen vorbei kommt. Gleich bei der ersten Station, bei der Kirche Saint-Saceur, treffe ich auch wieder Martina. Auch sie will die Stadt besichtigen und so gehen wir gemeinsam und es wird ein angeregtes Bummeln durch die mit Touristen volle Stadt und wir finden viel Gesprächsstoff und genießen auch genug Stille um zu schauen und zu erfassen.

Der heutige Tag war anscheinend nicht der meine. Dreimal verlaufe ich mich. Aber vielleicht bin ich mit den Gedanken wo anders und nicht genug konzentriert aufs Gehen.
Gleich am Beginn wird man mit den Markierungen unnötigerweise zu einem kleinen Umweg "gezwungen", obwohl es laut Führer einfacher ginge. Das bedingt gleich den ersten kleinen selbstverursachten Umweg, weil ich die Markierung an einem großen Parkplatz nicht sehe und zur vermeintlichen Straße laufe. Dabei macht der JW einen Haken wie ein Hase und geht anders weiter. Etwas ärgere ich mich und übersehe gleich wieder eine nichterwartete Richtungsänderung. Diesmal sind es ein paar hundert Meter, die extra zu verbuchen sind.
Scheinbar schlafe ich noch beim Gehen und es macht sich etwas Schlafmangel bemerkbar. In den Nebenzimmern meines Quartiers, ist gestern um 22:00 Uhr, ich war gerade eingeschlafen, eine französische Familie mit einigen Kindern mit Getöse eingezogen. Wie es so ist, bei den Franzosen wird alles lautstark besprochen und die Türen geschmissen. Es dauerte eine geraume Zeit, bis es stiller wurde, aber da war der Pilger Walter hellwach. Ich kann nichts dafür, ich bin lärm- und geräuschempfindlich. Und so hörte ich auch den lauten Fernseher der Nachbarn, der an meiner Schlafwand hing. Meinen Zimmernachbarn war es nach einem Film und das war leider kein Wiegenlied für mich. Nach einigen Rotierungen im Bett, blickte ich auf die Uhr - es war Mitternacht! In stillen Filmscenen waren aber deutlich Schnarchlaute zu hören. Handelt es sich bei meinen Zimmernachbarn um Fernsehschläfer mit Schnarchfunktion?
Dann kann das heiter werden, denn die Franzosen leben den ganzen Tag mit laufenden Fernsehgeräten. Eine Bar wird erst aufgesperrt, wenn der Fernsehkübel läuft.
Da mache ich nicht mit und will mit kräftigen Faustschlägen gegen die dünne Wand Abhilfe schaffen. Aber die "erschöpften" Franzosen schliefen tief und fest. So musste ich auf den Gang und habe noch lauter gegen ihre Zimmertüre geklopft. Endlich höre ich ein verschlafenes "Pardon?". Ich rufe einfach "Silence" (ob das richtig war, weiß ich nicht) und wirklich wird der Fernseher abgeschalten - Ruhe! Nun musste nur noch die geplagte Pigerseele Ruhe finden und auch der Pilger Walter kam spät, aber doch zu seinem Schlaf.

Nach dem zweiten Mal Verlaufen ging ein steiler, steiniger Weg nach oben und bei einem Plateau wird eine schöne Aussicht auf Figeac angepriesen. Nur heute präsentiert sich das Tal im milchigen Weiß - Bodennebel! Später wird es dann zum Hochnebel und die Umgebung versinkt für Stunden in eine trübe Suppe.

Nun war es ein trostloses Dahingehen und die Aufmerksamkeit schwand dahin und ich merke, dass ich nicht am richtigen Weg bin. Super, jetzt habe ich mich schön verfranzt, aber nicht ich alleine. Ein junges französisches Paar weiß auch nicht weiter. Sie palavern lange mit einem zufällig daherkommenden Einheimischen und wir finden wieder auf einem anderen Weg zum JW.

Es gibt heute auf der gesamten Strecke, ausser gleich am Beginn, keine Infrastruktur, wie Bar oder Geschäft, und so nagte nach einem spärlichen Frühstück schon der Hunger. Vor einer kleinem Gite stand ein gedeckter Tisch und drei Franzosen hatten dort gegessen und ich fragte die Herbergsmutter, ob man hier etwas zu essen bekommt. Esther eine liebenswert "verrückte" Schweizerin aus dem Rheintal meinte, das kriegen wir schon hin. Sie sieht nach was der Kühlschrank bietet und sie machte mir eine Art Thunfischsalat mit Kartoffeln und Gemüse. Zu zahlen war es mit freiwilliger Spende. Die Rastpaue dort hat gut getan und gestärkt, auch in der Motivation, und so marschierte ich weiter.

Auf einmal höre ich knapp hinter mir etwas rascheln und ich drehe mich um. Etwa fünf Meter hinter mir flitzt eine Smaragdeidechse über den Weg und wird genau so schnell verfolgt von einer etwa 1,50m langen grünen Schlange. Die Eidechse kommt aus dem Dickicht heraus und läuft direkt auf mich zu und genau so schnell windet sich die Schlange auf Beutetripp ihr nach. Ich stampfe schnell mit den Füßen und Stöcken und die Schlange verharrt kurz und dreht dann ins hohe Gras ab. Die Eidechse war gerettet und ich bin mit erhöhten Pulsschlag rasch weiter gegangen.

Am restlichen Weg war noch eintöniges und karges Land vorzufinden. Es gibt nur ungenutzte Grasflächen mit blaugrünen dünnen Gras, große Wacholdersträuche und wilden Buchsbaum. Nur wenige Bäume geben in der trockenen Hitze etwas Schatten. Hier ist eine verlassene und unwirtliche Gegend, wie hoch oben in den Bergen, dabei liegt die Gegend auf etwa 300m Höhe.
Die Wege waren genauso schlecht und es war ein mühsames Gehen. Der Tag wird in meiner Beliebtheitsscala eher ganz unten zu finden sein.

Nun habe ich mehr als die Hälfte meines JW hinter mir und es geht mir gut. Doch die fast 1.600Km hinterlassen auch Spuren. Meine Füße fühlen sich wie eine heiße Herdplatte an und so ist es gut, einmal eine längere Pause zu machen. Die nächsten 3 Tage gehe ich nicht, zuminderst nicht den JW. Und ich mache auch eine Schreibpause. Vermutlich werde ich schon am Sonntag eine Zusammenfassung meiner Ruhetage online stellen. Am Montag geht die Tour wieder weiter und ich hoffe mit frischen Kräften. Zirka 1.200Km sind und werde ich noch schaffen.
Bis zum Wiederschreiben und Wiedergehen,
Euer Pilger Walter

Mittwoch, 3. August 2011

Brennende Sohlen

Liebe Freunde,
die Ihr derzeit so sparsam mit dem Kommentaren seid! Seid Ihr auch schon müde?

Gestern saß ich am NM auf einer Bank bei der Kirche und gegenüber war die Gite de comunale. Da hörte ich von obersten Stock erfreut meinen Namen rufen. Ich blickte auf und erschauerte. Es war wieder die singende
Niederländerin, die mich seit Tagen verfolgt. Nein, ich will mit ihr keinen Kontakt. Ich wollte schon flüchten und mich in Sicherheit bringen, da rettete mich Martina, die Kinderärztin aus Frankfurt a.d.O. Sie kam gerade aus der Herberge und setzte sich zu mir. Gegen ihre Gegenwart hatte ich nichts, im Gegenteil, sie ist mir eine willkommene Gesprächspartnerin.
Sie beklagte auch, dass dieser Ort hinterm Mond lebt. Das Geschäftchen mit seinem mickrigen Angebot reizt nicht, sich für das Abendessen einzudecken. Im ganzen Ort gibt es keine Bar oder Restaurant. Nur am Ortsende gäbe es ein Restaurant, so hat mir meine Zimmervermieterin verkündet. Ich wollte unbedingt dorthin zum Essen gehen, denn die Kekspackung als spätes Mittagessen war nicht füllend und meine Hose ist schon recht weit geworden. Ich brauche ein ordentliches Abendessen. Das hat Martina überzeugt, es mir gleich zu tun und ich hatte eine willkommene Begleitung.
In dem Restaurant, wo wir äusserst freundlich bedient wurden und ausgezeichnet aßen (4-gängiges Menü um 14,- Euro), waren wir die einzigen Gäste. Wie gesagt, hier in Livinhac ist tote Hose.

In der Nacht höre ich einmal ein leichtes Plätschern von der Terrasse, ein leichter Regen hatte eingesetzt.
Der gestrige Wind hat wie befürchtet eine Wetterverschlechterung herbei geblasen und am Morgen, bis ich fertig war, hat es ein paar Mal kurz, aber stark geregnet. Ich überlegte und hielt mit Jakobus Zwiesprache: was soll ich machen? Zuwarten ob sich das Wetter bessert? Überhaupt bleiben und wenn es den ganzen Tag stark regnet, den Bus nehmen? Oder soll ich losgehen, gerade regnet es nur leicht?
Ich gehe los, in meinem geliebten Regenschutz eingepackt. Es hört auch gleich zum Regnen auf und mit flottem Schritt verlasse ich den nichtssagenden Ort.
Das einzig Berichtenswerte dieses Ortes waren dann die tausenden Schwalben, die hier herumflogen und sich am Morgen auf den Stromleitungen sammelten und beim Vorbeigehen in Schwärmen aufflogen. Das Sammeln der Schwalben ist doch bei uns erst im September und überrascht mich.

Ich bin noch nicht weit gegangen am offiziellen GR65, wie der JW hier heißt, da sehe ich auf der paralell laufenen und etwas kürzeren Aspaltstraße 100m vor mir die "Niederländerin". Sie muss mich von der Herberge beobachtet haben und ist mir "nachgerannt". Ich leide schon an einen Verfolgungswahn und drossle meinen Schritt um hinten zu bleiben. Aber so leicht kann ich mich nicht aus ihren Fängen entziehen, sie bleibt an der nächsten Weggabelung stehen und verpackt ihren Regenschutz. Jetzt muss ich vorbei, ob ich will oder nicht. Mit ein paar Worten ziehe ich an ihr vorbei und schalte gleich auf den höchsten Gehgang. Das rächt sich aber sofort, denn bei meiner Flucht übersehe ich gleich danach eine unscheinbare Wegmarkierung und laufe 100m zu weit und muss zurück, um ihr geradewegs "in die Hände" zu laufen. Sie grinst mich an und ich gehe mit mürrischen Kommentar wegen meines Umweges gleich an ihr vorbei. Zum Glück waren wir, ich vorne und sie 20m hinter mir, bald im nächsten Ort, da dürfte sie, wie üblich, ihr Frühstück in einer Bar eingenommen haben, denn ich habe sie dann den ganzen Gehtag nicht mehr gesehen. Vermutlich wartete sie dort, wie eine Spinne, auf das nächste Pilgeropfer.

Nun konnte ich alleine meinen Weg fortsetzen. Auf einmal ein ordentlicher Schreck. Unbemerkt hat sich von hinten ein mittelgroßer Hund leise angeschlichen und zwei Meter hinter mir wollte er mit Gebell angreifen. Gerade noch konnte ich die Stöcke ausbreiten und ihn erfolgreich in die Flucht schlagen. Vorm Weitergehen musste ich nur noch das Herz aus der Hose holen und kurz durchschnaufen. Ein ordentlicher Schnaps wäre gut gewesen. Leider fand ich etwas später, bei einem verlassenen Bauernhof, auf einem Baum nur das unveredelte Rohmaterial des Zwetschkenschnapses, aber diese Früchte schmeckten auch gut.

Zweimal traf ich die viel früher weggegangene Matina am Weg. Einmal bei einer Jause und das zweite Mal bei einem Kirchenbesuch. Sie hatte mit ihrem Führer mit Detailkarten eine Abkürzung gefunden und war somit gleich schnell, wie ich. Gegen dieses Zusammentreffen hatte ich nichts, denn wir Beide gehen immer unseren eigenen Weg. Nur eine kurze Rast lang, saßen wir mit anderen Pilgern vor der Kirche auf den Rastbänken.

Ich war besorgt, wie sich das Wetter entwickeln wird. Es war recht grau und sehr schwühl. So blieb ich nur ein paar Minuten und gönnte meinen schmerzenden Beinen eine kleine Erholung. Schon ein paar Minuten später begann es wirklich zu regnen und wieder musste der Regenschutz umständlich über Mann und Rucksack gezogen werden. Ein Wind sorgte dafür, dass der untere Teil der Hose gleich ordentlich nass wurde. Zum Unterstehen war nirgends eine passende Gelegenheit, also weiter - Ultreia!

Zum Glück wurde daraus kein Dauerregen und nach einer Sicherheitshalbenstunde wurde der Regenschutz wieder verpackt. Nun war das Ziel, Figeac nicht mehr weit. Figeac ist mit über 10.000 EW eine größere Stadt, mit einem historischen Altstadtkern, der auch zur Liste der schönsten französischen Orte gehört.

Gerade wie ich am Stadtrand auf Zimmersuche war, hat es wieder etwas zum Regnen begonnen, somit habe ich mir gleich ein nicht ganz billiges, aber gutes Zimmer genommen und der Preis mit 58,- Euro mit HP ist gerade noch vertretbar, wenn ich an die Schweizpreise und die Hotelpreise am Beginn von Frankreich denke.

Nun werde ich trotz brennender Füße, die vergangenen 1.500Km machen sich schon bemerkbar, einen kurzen Altstadtbummel machen. Zum Glück habe ich mir ab Freitag drei Tage vom JW frei genommen (Ruhetage) und kann meinen Füßen längere Erholung verschaffen.

Ich grüße Euch nach schon 600Km auf französischem Boden und wie ihr seht, komme ich mit etwas Französisch recht gut durch.
Euer Pilger Walter

Dienstag, 2. August 2011

Stiller Gehtag

Liebe Freunde!

Die Besichtigung von Conques war wie ein Durchwandern des Mittelalters. So altertümlich ist dieser Ort erhalten geblieben.
Conques liegt dicht gedrängt am Hang einer steilen und tiefen Schlucht und ringsherum gibt es nur "urwaldähnliche" dichte Wälder.
Der Weg von der römischen Brücke am unteren Ortsrand, da war mein Hotel, ging sehr steil nach oben und wie alle Straßen von Conques war sie steingepflastert. Aber keine Rundsteine, wie sonst üblich, sonden aufgestellte scharfkantige und unregelmäßige Steine. Das macht das Gehen im ganzen Ort beschwerlich - Pilgerfüße werden da gequält. Kleinkinder, die zum Gehen beginnen und alte Menschen haben es hier sicher sehr schwer. Mit einem Rollwagen, wie ihn auch meine Schwiegermutter verwenden muss, kann man hier nicht fahren.
Es ist beeindruckend wie gut erhalten hier noch der gesamte Ortskern ist und in den verwinkelten Gässchen und unregelmäßigen Stiegen finden sich viele Fotomotive von alten Häusern und Mauern. Die mächtige Kirche der Abtei Sainte-Foy im Zentrum des Ortes ist natürlich der Anziehungspunkt für alle Touristen. Erbaut wurde sie im 11Jh. Berühmt ist dabei das große Portal mit den vielen symbolhaften Figuren und die mächtigen Kirchenmauern und Säulen im Inneren der Kirche beeindrucken.
Um 1/2 7 nahm ich an der Vesper der Prämonstratenser Mönche teil und dann fand ich ein kleines abgelegenes Lokal, wo ich günstig essen konnte. Das Zurückgehen durch den Ort bis hinunter zu meinem Quartier war dann erbauend. Nun waren alle Tagestouristen weg und die bleibenden Touristen waren alle beim Essen. So konnte ich durch die leeren Gassen gehen und das tat nach dem Rummel gut.
Interessant war auch, dass es in Conques sehr viele gute Kunstgalerien gibt, zwei davon habe ich bei meinem Bummel durch den Ort auch besucht.

Der heutige Morgen hatte es in sich. Ich bin nach dem späten Frühstück erst nach 8Uhr weggekommen und gleich nach der Brücke ging es extrem steil nach oben. Wir würden dazu sagen: "Hier kann man stehend Gras fressen", so steil ging es nun 250Hm nach oben. Und bei diesem Anstieg kam es dann gleich zu einem Pilgerstau. Die Vorderen blockierten die Nachkommenden und ich war am Ende der Schlange. Es sah aus, wie beim Aufstieg auf einen Himalaya-Gipfel mit einer Kolonne von Sherpa-Trägern mit ihren Rucksäcken.
Erschwert wurde der Aufstieg durch den dichten Wald, durch einen warmen Südwind, der den Schweiß rinnen ließ. Ich weiß nicht wie viele Schweißporen der Mensch hat, aber aus allen strömte salziger Schweiß.
Die Höhenmeter waren dann aber bald bezwungen und es ging in einem sanften Anstieg weiter. Bald schon war eine Entscheidung notwendig. Es gibt zwei Wegvarianten und ich entschied mich für eine kürzere Streckenvariante. Die hatte einen Nachteil: es war auf Asphaltstraßen zu gehen. Dafür war die Strecke um ein paar Km kürzer und man ging statt bergab und bergauf, immer entlang von Bergrücken mit schönen Ausblicken ins Tal. Und ein weiterer Vorteil, ich war hier ganz allein unterwegs, keine Pilgertouristen, aber auch kaum Einheimische. Nicht einmal Kühe, mit denen ich mich unterhalten hätte können. Mutterseelen allein marschierte ich dahin und alle Brombeeren am Weg gehörten mir!
Hier oben war der Wind dann nicht mehr so warm, aber er wehte kräftig und dass auch noch hier in meinem Zielort.

In diesen Regionen gibt es viele Rochuskapellen. Ich glaube zwei von drei Kapellen sind dem Hl. Rochus geweiht, der auch als Jakobspilger, aber meist mit drei Muscheln, dargestellt wird. Dann sieht man ihn oft mit Hund und immer zeigt er eine offene Pestwunde am Bein her. Er wird seit den Pestzeiten in Frankreich sehr als Pestheiliger verehrt. Jeden Tag kommt man an mehreren St-Roch-Kapellen vorbei.

Durch meinen anderen Wegverlauf kam ich auch nicht in die Stadt Decazeville, die früher für den Kohle- und Erzabbau bekannt war, vorbei. Was nicht unangenehm war, denn somit ersparte ich mir wieder einen Abstieg in den Talboden mit anschließenden Wiederaufstieg. Vom Hügel konnte ich auf die Stadt hinunter blicken und sah auch die schon verwachsenen Stufen des Tagebergwerks.

Von meinem Etappenort Livinhac le Haute gibt es nicht viel zu sagen, nur dass ich wieder den Fluss Lot überquert habe. Der Ort selbst hat keine besonderen Sehenswürdigkeiten.
Ich habe ein schönes Zimmer mit Tür in den Garten bekommen. Zum Essen muss ich leider einem Km gehen.

Somit endet mein Bericht über einen schönen Aussichtstag, aber ohne besondere Erlebnisse. Für mich war es ein guter Gehtag.
Ich grüße Euch, wer auch immer und wo auch immer, meinen Bericht liest,
Euer Pilger Walter

Montag, 1. August 2011

Ente gut - alles gut

Danke lieber Gott und danke heiliger Jakobus.
"... und dein Wille geschehe ..."
Gestern war ich enttäuscht und entmutigt, dass es kein Zimmer für mich gab, dort wo ich es für mich haben wollte.
Du hast mir aber dann drei Engel geschickt und für mich gesorgt.
Der erste Engel war die so gut Deutsch sprechende Zimmervermieterin, die nicht aufgab, für mich ein Zimmer zu suchen.
Der zweite Engel trat in zweierlei Gestalt auf, als Mann, der mich mit dem Auto abholte und als Frau, die auf die liebenswürdigste Art für mich kochte.
Und der dritte Engel war Martina, meine gleichfalls gerettete Tischnachbarin aus Deutschland, mit der das Essen kurzweilig und das tiefe Gespräch erbauend war.
So hat ein anstrengender und aussichtsloser Tag gut geendet - Danke!

Liebe Pilgersfreunde!
Mit dem abgeschiedenen Quartier habe ich wirklich ein Glück gehabt. Die ältere Frau hat sich alle Mühe gegeben um zwei Pilgersleute gut und ausgiebig zu bekochen und den Aufenthalt zu verschönern.
Eine Kinderärztin aus Frankfurt an der Oder (ehem. DDR) war auch hier gestrandet.
Verzeiht, wenn ich Euch wieder mit den kulinarischen Genüssen quäle. Aber wir waren so begeistert, dass dies in meinem Tagebuch erwähnt gehört. So als Loblied an den unbekannten Engel der Cuisine. Als Vorspeise gab es eine Salatplatte mit Tomaten, Eiern, Meeresfrüchten und feinem Dressing. Der Hauptgang war ein leckere gebratene Entenkeule mit einer großen Pfanne mit Käse überbackenen delikatem Gemüse und Reis. Salat und Gemüse war alles aus dem eigenen Garten. Jeden einzelnen, der für den Käsegang angebotenen, feinen Käsesorten stellte sie stolz vor. Zum Abschluss gab es dann noch ein gutes Eis mit Bisquitstangen. Dazu gab es eine große Karaffe Rotwein. Mit sichtlichem Stolz sah sie, dass es uns großartig geschmeckt hat, nur es war zuviel angerichtet. Für das Quartier und das Essen, Wein und Frühstück berechnete sie nur 30,- Euro. Das war wieder eine Jakobikirchenansichtskarte mit Stempel und Dankesworten für besondere Fürsorge wert.

Mit meiner Essens- und Quartierpartnerin, die ich unterwegs auf ein paar Worte getroffen hatte, hatte ich auch ein Glück. Endlich eine ernsthafte Gesprächspartnerin, die auch diesen "Pilgertourismus" auf der Strecke verabscheut. Auch sie würde gerne den Weg in einem Stück gehen, weil sie diese Erfahrung gerne erleben würde. Als Kinderärztin in einer Doppelpraxis kann sie aber höchstens 4 Wochen wegbleiben und somit nur in großen Stücken den JW gehen.
Über Gott und die Beweggründe haben wir gesprochen und sind dann beim Thema ehemalige DDR gelandet. Zwei Stunden Essenszeit sind da schnell vergangen und beide waren wir dann nach einem anstrengenden Tag müde, aber glücklich, dass sich der Tag so gut fügte.

Nach einem ausgiebigen und reichlichen Frühstück bekamen wir noch detailierte Anweisungen wie wir zu gehen hätten, um wieder auf den JW zu stoßen und nach Conques zu kommen. Herzlich wurden wir verabschiedet und gemeinsam starteten wir in einen schönen Tag. Ich hatte Martina, die sich bei der Orientierung schwerer tat, angeboten meinen Schritt zu drosseln, damit wir den anderen Weg finden und gehen können. Als sie sich des Weges sicher war, meinte sie, dass wir wieder unseren Weg alleine gehen können.
Der Weg war dann gleich lang, als wenn wir vom gestrigen Etappenort weggegangen wären. Es hat gut getan, wieder mit jemanden zu sprechen, der den Weg als Jakobsweg achtet.

Alles zusammen hat mich in eine heitere Stimmung gebracht und mit beschwingten Schrittes und fröhlichem Gesang marschierte ich meinem heutigen Ziel entgegen. Für Conques habe ich mir extra nur eine kurze Etappe geplant, damit Zeit bleibt diesen wunderbaren Ort zu besichtigen. Conques gehört, wie einige Orte in diesen Tagen und auf der Strecke, zu den schönsten Orten Frankreichs.

Vorher mussten 21Km gegangen werden und es gab auch eine lange Steigung zu bezwingen und eine zum Glück trockene steile Bergabstrecke über Felsenwege.
Einige Kurzbegegnungen einheimischer Menschen und auch Wandertouristen nahm ich mit lachend fröhlichen Gesicht an und bekam genauso ein Lächeln zurück. Es war einfach ein schöner Morgen.

Doch dann, schon beim Anstieg durch einen Ort, sehe ich eine bekannte Silhouette mitten Straße stehen, als wenn diese Person auf mich wartet. Es ist die, nun weithin bei den Pilgern bekannte, singfreudige Niederländerin, die mich schon vor Tagen verfolgte und von der ich glaubte, dass ich sie an meinem Ruhetag davonziehen habe lassen. Also die möchte ich jetzt nicht neben mir gehen haben. Sie nervt mich mit ihrem spöttischen Nichtglauben. Ich grüße sie trotzdem freundlich und sie wollte gleich ihre Pause beenden, doch ich blieb nur für ein paar Worte stehen und wünschte Bon Camino und beschleunigte meinen Bergaufschritt um Abstand zu bekommen.
Weitere Pilgertouristen traf ich dann am Weg. Zum Beispiel zwei junge deutsche Frauen, die ich kurz vorher überholt hatte und mir in eine schöne Kirche nachgekommen sind, um zu tratschen. Das Innere der Kirche haben sie aber nicht beachtet oder darin gebetet. Ein weiterer Wanderer ging gleich gar nicht hinein. Gut, jeder wie er will, nur frage ich mich, warum müssen die gerade am JW wandern. Es gibt eine Reihe von anderen Routen quer durch Frankreich.

So ging ich flotten Schrittes auf der Höhe entlang, bevor es wieder ins Tal und nach Conques geht. Kurz bleibe ich stehen, um bei meinem Schuh etwas zu richten, da höre ich drohenden Gesang. NEIN, ich will alleine gehen und schon gar nicht mit dieser Niederländerin. Die verfolgt mich! Man stelle sich vor, ich gehe mit meinem flotten Schritt, der auch schon bekannt ist und immer wieder bewundert wird, und diese Frau läßt sich nicht abschütteln. Das nötigt mir zwar Respekt ob ihrer Kondition ab, aber es ist für mich ein Anstoß mit voller Power weiter zu gehen. Dabei will ich das nicht und schaue auch traurig auf die reifen Brombeeren am Straßenrand. Ich stürme weiter und bin dann bald in Conques.

Conques ist wirklich ein wunderschöner alter Ort und die große Kirche aus dem 11.Jh ist sehr mächtig und sehenswert. Das denken auch hunderte Touristen. Der Ort und der Platz vor der Kirche ist überfüllt davon. In Ruhe beten in der Kirche ist nicht möglich, weil sich immer wer mit dem Fotoapparat vorbei drängt.
Nach einem Kirchenkurzbesuch gehe ich auf Zimmersuche. Das erste angepeilte Quartier war wie befürchtet voll reserviert und ich ging quer durch den Ort abwärts zu einem Gasthof mit für Conques kulanten Preisen. Ich bin früh genug hier und bekomme auch mein Zimmer - mit Frühstück um 45,- Euro.

Nach dem wieder größeren Waschtag, einem geruhsamen Mittagsschläfchen und dem Berichtschreiben bin ich wieder fit, um mich in den Trubel zu begeben und den Ort zu besichtigen. Jetzt am späteren NM wird es dazu auch nicht mehr so heiß sein.

Somit verabschiede ich mich für heute.
Euer Pilger Walter