Samstag, 16. Juli 2011

Ein Erlebnistag

Liebe Freunde.

Mein Quartier heute Nacht war bestens. Wunderbar war der gepflegte große Garten und die Familie war sehr gastfreundlich. Hier fühlte ich mich richtig wohl.
Das Abendessen war mit der Familie und es gab grünen Salat, frisch aus dem Garten mit selbstgemachter feiner Senfdressing und frischem Baguette als Vorspeise. Danach kam gegrilltes Schwein, gekochte Erdäpfel mit Butter und frischen Fisolen auf den Teller. Ein gekühlter Rosewein (es wurden 3 Gläser) mundeten Eurem Pilger ganz besonders gut. Als Nachspeise gab es eine frisch gebackene Rhabarbertorte mit Mandelsplittern. Von der nahm ich gerne noch einen kleinen Nachschlag.
Das "petit-dejeuner" (Frühstück) war erstmals in Frankreich nicht "petit" sondern ausreichend. Bezahlt habe ich dafür 36,- Euro.

Ein schöner, aber kühler Morgen erwartete mich zum Weitergehen. Beim Hinauswandern aus Le Pin treffe ich auf einer Weide auf zwei Pferde. Eines steht mit dem Kopf zu mir am Zaun und das andere verkehrt mit dem verlängerten Rücken. Das erste begrüßt mich mit einem lauten Wieherer. Ich grüße ähnlich und höflich zurück, da läßt das andere Pferd, mit der, dem Kopf gegenüberliegenden und mir zugewendeten Seite laut und unmissverständlich erkennen, was es von mir hält.
Na, freundlich war das nicht zu Gästen und Pilgern, die hier ihr Geld lassen. Aber es gibt immer solche und solche Menschen und Pferde.
Ich ignoriere diese Unfreundlichkeit und erfreue mich am schönen Morgen. Die Sonne überzieht die Landschaft in ein goldenes Licht und und die grünen Wiesen, reifen Felder und dichten Wälder glänzen wunderschön. Ich liebe so einen Morgen und so in den Tag zu maschieren.

Am Ortsende erwartet mich wieder einmal ein steiler "Weg" mit Steinschutt. Da kommt mir die Erkenntnis, dass sind gar keine Wege, sondern Ablagestellen für die Steine, die die Bauern aus den Wiesen und Feldern sammeln. Diese Theorie bestätigt eine Zeit später eine Wiese mit kleinen Steinhäufchen, die dann, genauso wie Straßenbetonschutt und Ziegelschutt auf die "Wege" gekippt werden.
Und dann der weiterführende Gedanke: Für die Pilger, die Buße tun müssen/sollen/wollen, wird der JW einfach darüber geführt. Danke, mir reicht es. Für die, die in Genf erst mit dem Pilgern begonnen haben und noch sündig sind, ist der Weg richtig. Aber für Langzeitpilger mit tausendfach abgebüßten Sünden sollte es weiche Wald- und Wiesenwege geben.

Für den unchristlichen Aufstieg entschädigt dann ein schöner Waldweg mit guter Aussicht. Und später geht es durch richtige Ginsterwälder mit Sträuchern bis zu 3m hoch. Hier muss es im Frühling wunderbar zum Gehen sein. Ich stelle mir den Duft vor und es kommen Erinnerung an einen Korsika-Urlaub auf.

Ich wandere dann durch eine schöne Landschaft - links ein großes reifes Weizenfeld, begrenzt von grünen Hügeln und rechts eine Weidefläche mit Almcharakter. Es folgt ein großer Garten mit einer Schar glücklicher Freilandhühnern und dann ging es an Feldern weiter.

Unzählige Hunde wollen mich heute fast zerreissen, wenn die meisten nicht eingesperrt oder angehängt gewesen wären.
Einmal höre ich die Hunde in Dolby Digital 5.1 - links und rechts, vorne und hinten von den Gärten kommt ein wütendes Gekläff, vor mir steht bei einem Haus ein Hund auf der Straße und bellt wie aus dem Center-Lautsprecher und dann ist noch der tiefe Bass einer 1,20 hohen Dogge zu hören, wo ich eben erst vorbei gegangen bin. Das ist Dog-Hausen pur.

Dann kommt wieder einmal eine extreme Fußmassagestelle a la Extrem-Fußzonenreflexmassage (Jakobiinsider wissen, wie und was ich meine). Im Führer wird das Teilstück wie folgt beschrieben: "Nach dem Bauernhof geht es sehr steil und steinig nach oben". Von wegen steinig? Kann mir jemand die höchste Steigerungsform von "steinig" nennen? Das ist kein Weg, sondern ein unbegehbarer Steinschutthaufen bestehend aus großen und losen Murnockerln.
Und wieder die Belohnung oben am Hügel. Ein grandioser Blick auf die Ebene Plaine de Brievre. Solche Ausblicke sind aber schwer verdient.
Bei einem Bauernhof mit einer großen Kuh- und Kalbhaltung, gibt es auch ein fast parkähnliches Gehege für Damwild und dazwischen watschelt, sehr komisch anzusehen, eine große Herde Enten. Mir kommen Visionen von gebratenen Entenbrüsten hoch - mmmhh!

Zur Abwechslung und weil mir das Singen in der Natur immer mehr Freude macht, suche ich mir aus meinem Liederbuch ein paar bekannte Lieder/Melodien aus und stoße auf folgendes Lied, welches für meinen Pilgerweg einen sehr passenden Text hat:

Laß die kleinen Dinge
1) Es gibt ein Wort, und das ist für dich das Leben.
Es gibt ein Licht, das die Sonne überstrahlt.
Du hast ein Ziel, welches Gott für dich gegeben.
Wenn er dich ruft, mußt du gehen, vielleicht schon bald.
Ref.) |: Laß die kleinen Dinge, nimm die Zeit.
Einmal ist es auch für dich so weit. :|
2) Ein jeder Tag ist ein neues Abenteuer,
und oft vergißt man die Liebe und das Ziel.
Doch wenn die Nacht kommt,
dann brennt für dich ein Feuer,
der Gnade Licht,
das den Weg dir zeigen will.
Ref.

Einmal noch werden meine Gourmetnerven am Wegrand angeregt. Ich sehe eine große Ziegenherde und denke an leckeren Käse, den es hier in Frankreich reichlich gibt.
Da meldet sich sogleich mein Magen und fordert Nachschub an Essen. Ich schaffe es grade noch in das Dorf La Frette und bekomme in einer Boulangerie (Bäckerei) ein leckeres Sandwich und ein köstliches "Pain au chocolad" (ein mit Schokolade gefüllte Art Croissant).
Verzeiht, wenn ich soviel übers Essen schreibe, nur das Gehen macht hungrig. Berechnet einmal den Energiebedarf eines Pilgers. Eine Stunde kräftiges Marschieren verbraucht sicher 400 bis 500 KCal und ich bin täglich 6 bis 8 Stunden auf den Beinen.

Heute ist mir das Marschieren wieder leicht gefallen, ausser bei den erwähnten Schlechtwegestrecken, und es ist die Zeit wie im Flug vergangen.
In meinem Ziel La Cote-Saint-Andre, einer größeren Stadt (5.000 Ew) und der Geburtsstadt von Hector Berlioz, sind die Hotels anscheinend gut gefüllt. Im gesuchten Hotel braucht der Wirt eine Viertelstunde bis er mir das Ok für ein DZ geben kann und ich ziehe glücklich ein. Breit ist das Zimmer um 40cm mehr, als die Betten lang sind. Ich komme mit dem Rucksack fast nicht durch.
Ich bin gerade beim Wäschewaschen, als es klopft. Das Zimmermädchen steht mit einem anderen Pilger vor der Türe und fragt ob ich mit ihm das Zimmer teilen will. Nicht erfreut, stimme ich aber doch zu und handle dafür den Preis herunter.
Thomas, ich habe in der Kirche davor seinen Eintrag gelesen, kommt aus St. Gallen (SZ) und ist genau so lange wie ich unterwegs und möchte auch bis SdC gehen, nur viel langsamer. Er ist alleine und hat sich eine Auszeit gegeben - Beruf und Wohnung hat er aufgegeben!

So liebe Freunde, es ist wieder ein laaanger Bericht geworden, wie ich es an meinen nun verkrampften Fingern spüre.
Ich grüße Euch alle
Euer Pilger Walter

PS: Liebe Freunde, was ist los? Heute kann ich mich an keinem Kommentar erfreuen und aufbauen. Euer Pilger Walter kennt kein WE und braucht jeden Tag eine Anfeuerung. Ich hoffe Ihr seid (meiner Berichte) nicht müde geworden.

Freitag, 15. Juli 2011

Kilometer um Kilometer

Liebe Freunde, die Ihr mit mir am Pilgerweg seid!

Meinen heutigen Bericht beginne ich mit dem tollen Quartier der heutigen Nacht. Das gesamte Ambiente war so, als würde man in der Toscana Urlaub machen. In Mitten der Einsamkeit und neben einem nicht zugängigen See, ein großes Gartengrundstück, in dessen Mitte ein altes und gut hergerichtetes Haus stand. Ein herrlicher Pool brachte Entspannung für die müden Pilgerbeine und innen gab es kleine und gemütlich gestaltete Herbergszimmer. Eines davon, für 3-4 Personen bekam ich für mich alleine, bis sich die große Österreichergruppe ansagte. Da musste/durfte ich in den ersten Stock in ein tolles und großes Zweibettzimmer mit Balkon übersiedeln, damit die Männer der Gruppe im Pilgerzimmer untergebracht werden konnten.
Bei meiner Ankunft nannte die sehr gastfreundliche Besitzerin auf meine Frage, was die Nächtigung koste, den Preis von 35,- Euro.
Das wäre günstiger, als die im Führer und im Aushang angegebene 45.- Euro und anbetracht der kaum vorhandenen Quartiermöglichkeiten, gab es sowieso keine Alternativen! Ich hoffte nur, dass das Frühstück nicht extra berechnet wird. Laut Führer und Aushang würde das Abendessen 20,- Euro kosten.
Spät, erst um 20 Uhr gab es Essen, gerade noch rechtzeitig, bevor ich vor Hunger vorzeitig dem Pilgertod erlegen bin. Auch die sieben Österreicher warteten schon heißhungrig aufs Essen.
Es gab zuerst eine Zuckermelone und Tomaten aus dem Garten mit Mozzarella und dazu natürlich Weißbrot. Als Hauptspeise gab es eine Art Tirolergröstl, sehr schmackhaft, und dazu Speckfisolen. Aber nur eine Schüssel voll und 8 Augenpaare haben sich gierig einen großen Claim abgesteckt. Also 3-4 Leute wären gut satt geworden, aber 8 verhungerte Pilger? Ich sprach den treffenden Satz, der im Dialekt gesprochen, sich besser reimt. "Herr sege dieses Schüsserl, damit wir genug haben mir dem Bisserl (= eine kleine Menge!)"
Aber, wie es bei französichen Menüs üblich ist, kommt dann der Fromage (Käse) und gleich ein großer Teller mit acht verschiedenen und leckeren Käsesorten (dafür ist Frankreich berühmt). Dazu gab es natürlich das französische Brot. Zum Abschluss gab es dann noch das Dessert - frische Brombeeren aus dem Garten mit Eis und einem kleinen Stück feinem Kuchen. Schlussendlich sind doch alle satt und zufrieden geworden.
Auch der Wein, drei Flaschen für uns alle, war dabei. So wurde es ein netter Abend.
Die große Überraschung heute beim Zahlen der Rechnung. Für die Nächtigung mit Frühstück und Abendessen, war nur 35,- Euro zu zahlen. Das nachmittägliche kleine Bier kostete 1,- Euro. Das tat der Pilgerkasse und dem Pilger Walter gut.

Ein schöner Morgen wartete auf mich und bei kühleren Temperaturen war es gut zu gehen. Es ging durch eine hügelige Landschaft, wie sie auch bei uns sein könnte, so in der Oststeiermark oder im Waldviertel.
Jeder weiß aber, was eine hügelige Gegend noch mit sich bringt - richtig, eine Reihe von oft auch sehr giftigen Steigungen und Abstiegen. In Summe sind heute mehr als 600 Hm zusammen gekommen und das bei einer Wegstrecke von 30 Km. Das macht auch müde. Heute spürte ich diese Müdigkeit auch in den Beinen, aber nur noch drei Tage, dann gibt es wieder einen Ruhetag.

Viel ist an diesem Tag nicht passiert, von dem zu berichten es sich lohnt.
Etwas ist mir schon seit Tagen aufgefallen, wenn ich durch die Wiesen gehe. Es muss in Frankreich fast eine Heuschreckenplage geben. Bei jedem Schritt springen zig dieser Heuschrecken auf die Seite. Soviele habe ich bei uns nie gesehen.

Meine einzige Begegnung unterwegs, war ein Vater mit seiner vielleicht 13-jährigen Tocher. Sie sind aus Leibzig und gehen den Weg einfach, dass sie gemeinsam Urlaub machen und Zeit für sich haben. Sie sind auch im urlaubsmäßigen Tempo unterwegs und die Tochter barfuß in Sandalen.
Bei einem folgenden, sehr steilen An- und Abstieg mit nur großen und losen Murnockerln (runde Steine) muss ich an sie denken. Wie mag es ihr hier ergehen, wenn ich mit meinen Bergschuhen schon Probleme habe, diese Strecke zu bewältigen.

In meinem Ziel, Le Pin, angekommen finde ich das am Wege liegende "Chambre d'hotes" gleich, aber ich werde vom Hausherren nicht eingelassen, weil die Frau nicht zu Hause ist. Ich müsste bis 17h warten (zweieinhalb Stunden!). Ich trinke einmal in eine Bar und trinke ein "grande biere", aber dann wird mir das untätige Warten leid. Ich gehe zu einem abgelegenen Quartier weiter und treffe es hier sehr gut. Das 3-Bettzimmer wird hoffentlich für mich alleine bleiben, denn hier her und mit mehr Geh-Km kommt sicher selten wer her.
Das Haus und das Zimmer sind gediegen eingerichtet und sehr sauber. Ich fühle mich wohl hier, besonders jetzt. Ich sitze in einem wunderschönen Garten, die Füße ausgestreckt und ein kleines Bier neben mir. Das ist Erholung, die Euer Pilger Walter braucht.
Das Quartier mit Abendessen kostet wieder nicht viel, nur 36,- Euro. Da bin ich zufrieden. Nur der Telefonempfang ist schlecht, wie bisher in ganz Frankreich, und ich weiß nicht, ob ich diesen Bericht heute noch online bringe.

Das wäre heute ein ganz unspektakulärer Bericht von
Eurem Pilger Walter

Donnerstag, 14. Juli 2011

Es GEHT weiter

Liebe Freude zu Hause!
Heute am großen Nationalfeiertag der Franzosen gibt es gutes Wanderwetter und die Freude am Gehen ist gleich wieder da.

Beim Abendessen treffe ich im selben Hotel die Sieben-Personen-Gruppe aus dem Wiener Raum. Die Gruppe besteht aus drei Frauen und vier Männern, wobei zwei noch im Studentenalter sind. Sie laden mich ein, an ihrem Tisch das Essen einzunehmen und es wird ein recht heiterer und geselliger Abend. Es gibt viel zu erzählen und ich kriege auch die ihre Motivation den JW zu gehen, mit. Sehr bewegend und so kann man sich in der Ersteinschätzung täuschen. Es ist auch interessant zu sehen, wie sich die Gruppe organisiert. Leicht ist es sicher nicht, in so einer unterschiedlichen Gruppe zu gehen. Beim Frühstück zeigen sich bei aller Freundschaft auch einige kleine Reibepunkte.
Als Alleiniger in meiner Gruppe bin ich schnell bereit weiter zu gehen und brauche auch nicht auf andere Meinungen über Etappenlänge usw. abstimmen.

Mein Weg geht über eine Alternativroute des JW. Ich habe davon im Führer gelesen, dass dieser Weg kürzer wäre und nicht so hoch hinauf geht. Eigentlich verdanke ich diese Wegentscheidung dem Zufall, meiner morgentlichen Unaufmerksamkeit oder meinem Wegbereiter Jakobus. Ich habe einfach diese Route eingeschlagen und war am Weg, bis auf eine Ausnahme, damit sehr froh.
Es ging durch ein sehr einsames und doch nettes Gebiet. Fast keine Menschen waren zu sehen und ich hatte Muse in die Natur hinein zu hören. Totale Stille begleitete mich, hier ein kreischender Schrei eines Greifvogels, von dort leises Rauschen vom Bach und von weither getragen ein leises Kinderlachen und das Bellen eines Hundes. Hier war der totale Frieden und ich konnte beim Gehen, hinauf des Weges meinen Gedanken nachhängen. Ich fühlte mich so richtig wohl.

Der Wiesenpfad führte mich zu einem Gattertor und dahinter standen formatfüllend zwei Kühe im Weg und die anderen glotzten vom Hang herunter. Ich musste an einen Tagebuchkommentar meiner Freunde denken, als ich mit Schweizer Tieren sprach, ob mich dann auch in Frankreich die Tiere verstehen würden?
Natürlich, Werner!
Ich ging durchs Gattertor und sprach die beiden wegversperrenden Kühe im breiten steirischen Dialekt an.
"Jo Kurla (Anm.: liebevolle Ansprache für Kühe), gehts do weg" und sie gingen vor mir her.
"Naa, ihr brauchts net do weidagehn. Gehts auffi do rechts die Wiesn" und beide Kühe drehten sich nach rechts und stiegen den Wiesenhang hoch. Der Weg war für mich frei. Ich kann also mit den Tieren reden und da gibt es schon einige Vorbilder! Und wer sagt, dass die Franzosen mit ihrem Nationalstolz keine Fremdsprachen lernen wollen. Steirisch können sie, das haben die Kühe bewiesen!

Dann, mitten im Wald am Anstieg zum Mont Tournier, ich habe mich immer gut an die Markierungen gehalten, eine kritsche Wegsituation. Neben einigen anderen Wegweisungen in fünf Richtungen, zeigt die gelbe Jakobsmuschel eindeutig in die Richtung, von der ich her kam?!?!
Wo gehts es jetzt wirklich weiter?
Vielleicht habe ich eine Markierung übersehen oder fehlgedeutet, also wieder zurück hinunter zur letzten Markierung. Doch hier werde ich eindeutig wieder hinaufgeschickt. Wie geht es weiter, welchen Weg soll ich nehmen oder soll/muss ich auf diesem JW-Wegteilstück für ewig bleiben?
Im Geiste sehe ich nach Wochen schon die Meldungen in den Medien: "Skelett eine unbekannten Pilgers in einsamen Bergwald gefunden. Pilger schrieb mit letzter Kraft: "Ou c'est le bon chemin?" auf ein Blatt Papier".
Zwei Jahre später: "Staatspräsident gedenkt am Nationalfeiertag mit dem Papst an dieser Stelle, am neuerrichteten Gedenkstein des unbekannten Pilgers, des tragischen Dahinscheidens eines Jakobspilgers. Zugleich wurde ein neues Wegleitsystem eröffnet, welches die Pilger an der Hand nimmt und durch den Wald der Irrungen führt."
Doch noch ist es nicht soweit! Ich nehme mir einfach einen anderen markierten Weg in die, mir logische Richtung und komme nach ein paar Minuten an eine kleine Straße. Dort orientiere ich mich mit meinem Handy-Navy. Es zeigt, dass ich genau auf der richtigen Straße stehe, die zu meinem Etappenziel führt. So gehe ich eben an der Straße entlang weiter. Ich bin ja flexibel. Nach ein paar hundert Metern, die Genugtuung: von rechts kommt der JW heran. Im Wald muss eine Falschmarkierung sein und das kann problematisch sein.

In Gresin komme ich zu Mittag endlich wieder zu einer offenen Kirche und ich kann Andacht halten. In den Wiesen durch den kleinen Ort stehen viele Nussbäume mit prallen Nüssen, aber bis die reif sind, werden noch Wochen vergehen. Etwa genauso lang, wie mein Weg noch dauern wird.
Bei einem Haus steht in einem Schuppen eine kleine Pilgerast mit Erfrischungen - danke! Ich nehme mir um 1,- ein kleines gekühltes Bier und esse dazu das dunkle Sandwichbrot, welches ich mir am Morgen in einer Bäckerei besorgt habe. Das ist heute mein Mittagsmahl und es schmeckt.
In einer nett gemachten Infomappe wird das Leben des winzigen Dorfes mit vielen Fotos und auch auf Deutsch beschrieben - u.a. der typische Baustoff brauner Sand für sie Hausmauern und das Nussbaumanbaugebiet. Regionale Spezialität ist das Nussöl, welches auch am Stand angeboten wird.

So komme ich an mein vermeintliches Etappenziel und hier beginnt eine kleine Quartierodyssee. Das erhoffte Hotel ist voll oder gesperrt. So genau kann ich es nicht verstehen, aber es ist auch egal, denn nix Zimmer ist immer nix Zimmer. Nun gäbe es noch ein nobles Hotel mit Preisen oberhalb des Pilgerniveaus und zusätzlich noch Kosten fürs Frühstück. Am Campingplatz gäbe es Hütten für 5 Personen um 47,-. Das reizt mich auch nicht. Ich gehe weiter, obwohl die Quartieraussichten minimal sind. Ich würde ein beschriebenes Privatquartier einige Km weiter suchen. Suchen ist gut. Das Privathaus mit riesigem Parkgrundstück liegt etwas abseits und ist kaum zu finden. Da gehen noch einige Gehmeter drauf, aber dann habe ich es gefunden. Eine sehr nette und gute Privatherberge. Ich bekomme ein eigenes und großes Zimmer und bin froh für heute, nach 27 Km die Zimmerfrage wieder gelöst zu haben. Danke Jakobus!
Inzwischen trocknet die Wäsche. Im Pool habe ich mich erfrischt und ein kleines Bier hat mir die Lebensgeister geweckt und ich freue mich schon auf das Abendessen. Dieses werde ich in fast schon vertrauter Gesellschaft genießen können, denn es hat sich eine 7-Personen-Gruppe angemeldet :-)

Zufrieden mit dem Tag und mit mir und meiner Welt, schicke ich allen Tagebuchlesern schöne Grüße,
Euer Pilger Walter

Mittwoch, 13. Juli 2011

Regentag

Ein Regentag wie er im Buche steht, war es heute.
Schon in der Nacht wurde ich vom Geklepper der Balkontüre geweckt. Der Wind rüttelte daran und das Regengeprassel war nicht zu überhören.
Noch in den Morgenstunden, im Bett liegend, hörte ich das Rauschen der Autoräder auf der Straße. Na fein, wie löse ich das Problem? Zuwarten ob sich die Wetterlage bessert, wäre eine Möglichkeit. Wenn es stark regnet, mit dem Bus nach Yenne fahren, überlege ich. Oder das Wetter gottgegeben hinnehmen und gehen.
Die optimale Lösung bot sich dann von selbst an. Beim Aufstehen hat es zum Regnen aufgehört. Fein, dann will ich bald aufbrechen und nach dem Frühstück ging ich los.
Nach einem KM war der Friede vorbei und es begann wieder zu regnen. Also alles wasserdicht machen und weitergehen duch die Rhoneauen und entlang des Dammes viele KM weit. Der Regen war lästig, aber doch auszuhalten. Wenn man das Unvermeidliche akzepiert, dann ist es nicht mehr schlimm. Es wurde ein leidlich gutes Gehen und weitergehen war die einzige Möglichkeit, denn Schutz und Unterstand gab es hier nicht.
Der Regen wurde stärker und stärker. Jetzt war das Gehen stumpfes Dahinmarschieren und die Nässe kroch von den Hosenbeinen höher. Da war endlich ein gesperrter Kiosk mit großem Vordach und Sesseln zu sehen. Diesen Unterstand nahm ich dankend an. So wie ich war, mit Regenschutz und Rucksack setzte ich mich hin. Unter dem Pocho blieb es sogar warm und meine schnelltrocknende Hose wurde gleich wieder angenehmer. Und am Weg schüttete es nun sogar. Ich musste an nachkommende Pilger, so wie den Missionar (siehe später) denken, die derzeit schutzlos sein mussten.
Mehr als eine Stunde suchte ich dort Schutz, bis es fast wieder zum Regnen aufhörte und hell wurde. Ich ging wieder los und konnte Regenschutz und die unteren Hosenteile abnehmen, denn es sah nach einen schönen Tag aus.
Die Strecke bis Chanaz war dann auch gut zu gehen. Chanaz ist Rhone-Urlaubern vielleicht ein Begriff. Es ist ein richtiger Fremdenverkehrsort zum Rhone befahren und um zu Urlauben. Auch die Wasserverbindung zum großen See Luc du Bourget macht ihn zum Ferienort.
In Chanaz kann ich mir in einer Bäckerei eine einfache Jause und etwas zum Trinken kaufen und im Park kurze Mittagrast halten. Die Reihe von schmucken und teuren Restaurants entlang des Kanals, habe ich ignoriert.

Leider hat das Wetter nicht das gehalten, was es zuerst versprochen hatte. Ein paar Minuten nach dem Weggehen begann es wieder zu regnen und ich bin wieder im schutzlosen Gebiet unterwegs. Es regnet sich richtig stark ein und die Nässe kriecht die Hose hoch - da kommt Freude hoch. Das ist Pilgern ohne Kompromisse. Endlich, nach einer Dreiviertelstunde ein schmutziger Schuppen, in den ich mich verkriechen kann. Kaum habe ich den Schutzmantel, der auch innen schon nass war, und den Rucksack abgelegt, da lichtete es auf und 15 Minuten später war ich bei nur leichtem Regen wieder unterwegs - der Wegweiser zeigte noch 3 1/2 Stunden bis Yenne.
Lang war es nicht besser, kaum begannen Savoyens Weingärten wurde es wieder schlimm. In einem kleinen Ort suchte ich wieder in einem Schuppen Schutz und jetzt um 14h sitze ich da und warte, aber es scheint jetzt hoffnungslos zu sein.
Um 14:30 breche ich bei leichtem Regen auf, denn der Weg muss erst noch bewältigt werden und es würde fast 18h werden, bis ich ankomme. Nur ein paar hundert Meter und ich suche schon wieder Unterschlupf. Ein paar Minuten warten und ich kann weitergehen. Nun hört es doch zum Regnen auf, auch wenn der Himmel dunkel bleibt.
Die Landschaft mit den Weingärten wäre reizvoll, nur viele Blicke habe ich dafür nicht übrig, zu schnell ist nun mein Schritt, damit ich weiterkomme. Dabei heißt es aufpassen auf hunderte Pfützen und schlammige Erdstellen damit ich nicht ausrutsche.
Vor dem letzten Anstieg, vor dem im Führer sogar gewarnt wird, dass er bei Nässe rutschig ist, sehe ich die nächste Tafel: Yenne 2:20! Dann schaue ich auf mein Handy-Navi und das zeigt über die Bundesstraße 6 Km an, das wären bei gutem Gehen nur etwas mehr als eine Stunde. Das mache ich. Ich muss zwar aufpassen auf die Autos, aber es ist kein großer Verkehr. Nach ca. 3 Km sehe ich wieder die Jakobsmuschel. Ich habe die Bergetappe abgekürzt. Leider lass ich mich verleiten, nun den doch etwas längeren JW wieder einzuschlagen und lande zuerst zwischen Maifeldern in überschwemmten Feldwegen und muss dann den Auenweg entlang der Rhone gehen. An der Straße wäre ich schneller gewesen. Zu allen Überdruss begann es doch wieder zu regnen und zum vermutlich zehnten Mal zog ich heute den Regenschutz über. Dann kam ich vor Yenne zum Campingplatz und dort werden auch Zeltunterkünfte angeboten. Nein, nicht mit mir und bei dem Wetter.
Gleich beim Beginn von Yenne ist das empfohlene Hotel und ich bekomme seit langem eines der besten Zimmer. HP kostet 48,- Euro und heute weiß ich ein gutes Zimmer zu schätzen. Dreckig, nass und die Schuhe innen feucht, da brauche ich heute eine trockene Atmosphäre und muss nach 30Km meine Füße hochlagern. Morgen geht es gleich zu Beginn 650 Hm hoch!

Eine Begegnung und ein Erlebnis hat mich heute zutiefst erschüttert und ich wollte zuerst gar keinen Bericht schreiben. Aber nach langem Nachdenken und Zwiesprachehalten, meine ich doch, dass das ein Teil des JW, meines JW ist.
Ich berichtete schon von dem Missionar, den ich bei der ersten Herberge in Frankreich getroffen habe. Ich habe ihn als eine Art Sonderling gesehen, was er vielleicht auch ist, nur wenn man seine Umstände nicht kennt. Ich wusste von seinem spatanischen Leben und dass er deshalb oft schon im Freien schlief und mit sehr wenig Geld nach SdC gehen will. Seine verschlossene Art und sein fast verwildetes Aussehen trugen vielleicht auch zu einer Fehleinschätzung bei.
Heute am Morgen, gleich nachdem es zum Regnen begann, sah ich seine Silhouette weit vor mir gehen und als er eine kurze Rast hielt, schloss ich zu ihm auf. Ich merkte gleich, dass es ihm nicht gut geht und fragte ob ich ihm helfen könne. Nein, es gehe schon und er berichtete, dass er nur an kein Geld komme, erstens hätte er keines und auch kein Konto und hier in Frankreich, wäre es für ihn schwierig an Geld zu kommen. Er wüsste nicht wie und spricht kein Wort französisch. Dann in Spanien, diese Sprache kann er, da könnte er sich von irgendwo Geld überweisen lassen. Jetzt müsse er schauen, dass er mit 5 Euro am Tag (!!!) durchkomme. Das ist unmöglich, so mein Gedanke. Ob er heute schon gegessen habe - er esse gerade seine letzten 5 Kekse! Ich war erschüttert und dachte an die "gescheiten" Weisheiten, die ich in meinen Berichten schon abgegeben habe und wusste, nun muss ich auch so handeln. Ich habe ihm geholfen und ein erhaltenes Geschenk auf meinem JW wieder weiter gegeben. Ich sah seine Augen und schnell entbot ich im meinen Pilgergruß und noch schneller musste ich gehen. In sicherer Entfernung konnte ich meinen tiefen Emotionen freien Lauf geben. Ich wusste, wenn es gewollt ist, dann treffen wir uns wieder und können reden.

Bei der ersten Regenpause sah ich seine hagere Gestalt im strömenden Regen daherkommen und er suchte auch Schutz bei dem Kiosk. Der beste und trockenste Platz war an meinem Tisch und wortlos saßen wir hier ein paar Minuten.
"Ich bin Walter und wie heißt du?"
"Peter"
"Wie mein jüngerer Sohn!"
"Peter werden heute wenige getauft"
Und so kam langsam ein Gespäch in Gang. Er begann zu erzählen.
Er war 13 Jahre in einer christlichen Mission in Ecuator, mitten im Dschungel tätig, mit allem was man sich da vorstellen kann. Er macht das als Aufgabe und Bezahlung gibt es wenig, es war auch nicht nötig.
Nun ist vor geraumer Zeit sein Vater verstorben und er wusste seine alte Mutter alleine zu Hause - in Deutschland. Seit einiger Zeit war er mit sich uneins, was er tun soll. Die Misson war sein Leben, aber die Mutter wollte er nicht allein lassen.
Da hat ihm der geistliche Chef der Mission, die am Bodensee ihren Sitz hat, angeboten sich für ein Jahr karenzieren zu lassen und mit sich und seiner Angelegenheit ins Klare zu kommen. Mit der Empfehlung, auch den JW zu gehen, was schon einige Missionsmitarbeiter gemacht haben. Dafür hat er sogar etwas Geld bekommen.
Nach einem längeren Besuch bei seiner Mutter, hat er sich dann vom Bodensee mit geborgter Ausrüstung (mit dem Rucksack war sein Vater schon am JW) auf den JW gemacht und hat gleich die Erfahrung der teuren, für ihn extrem teuren Schweiz, gemacht.
Er finde sich hier in Europa gar nicht mehr zurecht und das finanzielle Problem belaste ihn sehr. Er würde zwar von der Mission weiteres Geld bekommen, wenn er nicht auskommt, aber wie soll er das machen und ohne Konto und Sprachkenntnisse. So versuche er sich mit nichts durchzukämpfen.
Wir sprachen über Möglichkeiten und wie sein Weg und sein Leben weitergehen könnte. Nachdem sein Rückflug erst im November gebucht ist, könnte er sich mehr Zeit lassen. Er könnte stunden-/tageweise Arbeit, z.B. als Erntearbeiter annehmen, um so Quartier und Essen und vielleicht ein paar Euro zu bekommen. Das wäre eine Möglichkeit, die ihm als gelernter Gärtner gut passen würde. Er wird es probieren. "Je cherche travail!" kann ich ihm noch helfen (ob es richtig ist, weiß ich mit meinen geringen Französischkenntnissen auch nicht).
Für seine Zukunft braucht er eine Arbeit, wenn er nicht wieder in die Mission geht. Nur was? Unterwegs hat er gelesen, dass in der Schweiz dringend Senner gesucht werden, die sogar sehr gut bezahlt werden.
So haben wir (hauptsächlich er) über vieles gesprochen und ich hatte das Gefühl, dass es ihm etwas besser geht. Vorallem weil er mit jemanden sprechen konnte, der auch im Geiste Jakobus unterwegs ist. Der Pilgertourismus mache ihm schwer zu schaffen.
Wie es aufgehört hat zu regnen, wollte er noch sitzenbleiben und alleine gehen - er gehe den Weg auch aus religösen Gründen und suche auch sich und Gott am Weg. So ging ich alleine weiter und sehr nachdenklich und innerlich aufgewühlt. Ich glaube heute bin ich erst am Jakobsweg angekommen.

Ich bitte keine Kommentare auf diesen Bericht abzugeben. Der 2.Teil ist nur geschrieben, um aufzuzeigen, was alles am JW passieren kann.
Euer Pilger Walter

Ps: Es regnet wieder, aber ich sitze im Trockenen

Dienstag, 12. Juli 2011

Hundstag

Um den Titel gleich zu entschärfen, ich meine damit nicht die tatsächliche Hundshitze oder einen schwierigen Gehtag, sondern den Tag der Hundebegegnungen.
Soviele Hunde wie heute, sind mir am Weg noch nie begegnet und in allen Variationen. Kleine und große Hunde, ruhige, mich ignorierende Hunde, Hunde mit freundlichem Blick, Hunde, die auf ihre Weise Bonjour bellten und Köter mit warnenden oder wütenden Gekläff. Aber keinen von ihnen ließ ich näher heran, als auf Stockweite, egal welche Absichten er hatte. Auch wenn sich so ein Köter, bei meinen nun stahlharten Waden, sich leicht die Zähne ausbeissen würde, darauf ankommen möchte ich es doch nicht lassen. Einen wilden und großen Kläffer sah ich liebend gerne hinter dem Gartenzaun auf und ablaufen und hoffte nur, dass der lange Zaun kein Schlupfloch bietet. Keine Angst, ich wäre nicht zu ihm hineingekrochen.

In dem gestrigen Hotel waren dann noch 12 weitere "Pilgertouristen" untergebracht, wie ich beim Frühstück bemerkte. Eine sieben Personen große "Rund-um-Wien-Gruppe", die auch in Genf begonnen hat. Sie haben ALLE Hotels vorgebucht. Das habe ich gern. Dann war noch ein Zweiergespann, dass erst nach mir zum Frühstück kam und die jüngere Dreier-Damengruppe aus der Schweiz von der Herberge am 1. Frankreichtag. Die habe ich schon gegen Abend im Supermarkt getroffen - gut gestyled. Des abends um 1/2 10, ich sah sie vom Balkon, wie ich dort wegen des besseren Empfangs meine Berichte abschickte, noch fort gehen. Ihr ganzes Verhalten war das von Teenagern - jetzt wollen wir was erleben! Sie dürften um die 40 sein.
Ich weiß nun von 17 "Pilgern", die ca. zeitgleich den Weg mit mir machen. Die ältere Schweizer Damengruppe war im örtlichen Campingplatz untergebracht, wie mir der ehemalige Missionarsmitarbeiter, den ich mit einem Schweizer getroffen habe, erzählt hat. Dieses Massenpilgern mit allen Negativerscheinungen (z.B.: Zimmersuche und durch die Nachfrage höhere Preise), welches leider noch ärger wird, ist mir fast schon leid. Da trauere ich den ruhigen Österreich- und Schweiztagen nach.
Aber ich gehe einfach meinen Weg und durch meinen flotten Schritt bleibe ich allein und kann mein Pilgerprogramm ungestört erleben.

Es war heute wieder ein sehr heißer Tag. Schon ab 8 Uhr brauchte ich laufend das Schweißtuch. So war es eine tolle Erfrischung, hier an meinem Etappenort nur 150m entfernt einen kleinen Badeteich vorzufinden, in dem ich mich am NM kurz abkühlen konnte. Da dachte ich an mein Enkerl Lukas, der auch heute im Schwimmbad war. Das wäre jetzt lustig mit ihm zu plantschen.

Der Weg war heute viel besser und oft sogar sehr schön. Nach ein paar Stunden konnte ich, wenn nicht übermannshohe Maisfelder den Blick einschränkten, ins Tal blicken, wo die grüne Rhone langsam durch die Auen floss. Noch zwei Tage geht es durch das Rhonetal. An den Hängen wird Wein angebaut und das erste Weingut habe ich auch schon gesehen.
Das gute Gehen beschwingt gleich die Laune und ein paarmal habe ich mein Gesangsbuch hervorgeholt und mit Freude zufällig ausgesuchte Lieder gesungen - das macht Spaß.
In den VM-Stunden ist das Gehen am Schönsten, da ist der Geist wach und ich achte auf viele kleine Begebenheiten. Einmal mache ich kurz Pause und blicke am Boden eine Ameisenstraße, die über einen Ast führt und so eine "große" Schlucht überspannt. Hin und her geht das Gewurrle und bei jeder Begegnung bleiben die Ameisen kurz stehen, beriechen sich oder sagen Grüß Gott, was weiß ich. Aber es ist interessant anzusehen.
An einer Wegstelle war die Luft nicht toll. Eine größere Hühnerfabrik blies die Abluft mit großen Ventilatoren ins Freie. Und von drinnen war hecktisches Gegacker zu hören.

So verging der VM schnell und ich kam auch schnell vorwärts, obwohl ich nicht mein volles Tempo eingeschlagen habe. Ich wollte eine Pause machen und auch etwas essen, aber beide Möglichkeiten waren heute nicht verfügbar - Ruhetag. So waren die heutigen 26 Km bald absolviert und ich kam schon um 13h in Serrieres-en-Chautagne (wird wohl niemand kennen) an und im Hotel bekam ich ein gutes Zimmer mit allem Drumm und Dran. Es war nur mit HP um 50,- zu buchen und weil ich auch zu Mittag was brauche, 26 Km machen hungrig, nahm ich gleich die VP um 60.- Euro, denn das Menü hätte 12,- gekostet. Ich gönnte mir wieder ein gutes Quartier, den die nächsten Tage verheißen quartiermäßig nichts erbauendes. Ein "grande biere" gönnte ich mir auch zum Essen, der edlen Spenderin sei Dank, dass ich mir in Frankreich ein Bier gönnen kann :-)
Nachdem es früher NM war und ich auch ein Bad dabei hatte, war heute wieder Großwaschtag angesagt und nun kann meine Wäsche trocknen.

Somit bin ich die nächste Million (siehe gestern) angegangen. Ich bin neugierig, ob der Spruch gültig ist, dass nur die erste Million die schwerste ist.
Euer Pilger Walter

Montag, 11. Juli 2011

Erste Million

Hallo liebe Pilgerschar!

Hier bin ich wieder. Nach drei erzwungenen Ruhetagen beim Telefonieren, weil "bob" liebenswerterweise meinen Anschluss sperrte, weil die Kosten zu hoch sind. Was für einen Ärger und welche zusätzlichen Kosten, sind mir dadurch erwachsen? Das wird noch Konsequenzen haben. Deren Werbeslogan wird nun heißen "Sprich NICHT mit bob". Danke an meine Familie für die Hilfe.

Ab heute bin ich Millionär.
Heute und hier an meinem heutigen Etappenziel in Frangy kann ich meinen 1000. Kilometer feiern und das sind bekanntlich 1.000.000 (in Worten: eine Million) Meter und Schritte sind es gar noch mehr. Jetzt kehrt neue Kraft in mir ein, nach dem Telefonärger und dem schwierigen heutigen Tag.

Wie bekanntlich ist die erste Million am schwersten erreichbar. So war das Gehen auch am heutigen Tag.

Wie im gestrigen Bericht, der wie der Bericht vom Samstag erst heute in der richtigen Reihenfolge online geht, ersichtlich ist, habe ich heute wieder in einer Herberge genächtigt, nächtigen müssen. Beim Vorblättern zu den nächsten Tagen, wird das fast die Regel werden, so wenige Quartiermöglichkeiten gibt es. Das macht wenig Freude.
Am Abend konnte man ein Essen (Spaghetti mit guter Fleisch- und Gemüsesauce) in der Herberge bekommen und so saß ich mit 6 Frauen (2 x 3 Schweizerinnen) am Tisch in der Sonne und futterte zum dritten Mal, und sicher nicht zum letzten Mal, diese kraftspendende Speise. 11 Euro waren dafür zu berappen.
Wer dachte und mich kennt, das könnte eine heitere Unterhaltung gewesen sein, der irrt. In jeder Dreiergruppe gab es ein Alphaweibchen, welches eifersüchtig darüber wachte, dass seine Gruppe homogen blieb und so gab es vornehmlich eine interne Unterhaltung mit Themen die mich nicht interessierten oder in einem Urschweizer Dialekt gesprochen wurden, der unverständlich für mich war. So war ich am Tisch das siebente Rad. Beide Gruppen gehen "urlaubsmäßig" den JW und so war auch die Einstellung. Etwas erleben wollen und wenn möglich ohne Anstrengung zu marschieren. Es war gestern ihr erster Tag von Genf weg, bzw. dort wo sie der Bus absetzte. Na ja, von dieser Art Pilgerschar, die jetzt immer mehr wird, kann ich verzichten, sie belegen nur die Schlafmöglichkeiten.

Die Nacht war dann doch recht ruhig, vorallem wie dann die zweite und jüngere Gruppe, dann auch im Bett war.
Vor 6h bin ich munter geworden und wollte vor den Damen ins Bad, WC und zum Selbstbedienungsfrühstück. Ich wollte los, auch damit ich meine Telefonprobleme lösen könnte.
Die ältere Damengruppe, sie hatten anscheinend auch die senile Bettflucht, tat es mir dann gleich, aber meinen Vorsprung konnten sie nicht mehr aufholen :-)

So startete ich flott in einen schönen Tag, der sich dann gewaschen hat. Es wurde mein härtester Gehtag. Warum? So wie schon gestern kurz bemerkt, musste ich heute zur Kenntniss nehmen, dass (bisher) die Franzosen für die Wege nichts übrig haben. Mehr als zwei Drittel der heutigen Etappe (28 Km) ging es auf Wegen, die diesen Namen nicht verdienen, dahin. Feld- und Forstwege, die nur aus Geröll bestanden und seit Jahrzenten ungepflegt und ungewartet sind. Grauslich grobsteinig, ausgewaschen und kaum zu gehen. Richtige Haxenbrecher (für meine Nichtösterreichischen Leser: Haxen = Beine). Der Rest der Wege war durch die Regenfälle ganz tief oder es ging nur über kurze Asphaltstraßen, die dann wahrlich eine Erholung waren und im Vergleich wie auf Teppich zum begehen waren. Wenn die Grande Nation nicht mehr zuwege bringt? Das glaube ich doch nicht. Schlechter kann es aber nicht werden.
Dazu waren noch an die 500 Hm zum Hochsteigen und noch mehr zum Bergabsteigen. So gebrannt haben meine Füße noch nie, wie nach dieser Etappe. Mit gewisser Schadenfreude denke ich an Dramen, die sich heute bei den zwei Damengruppen abspielen werden. Man braucht auch ein wenig Genugtuung.

Wie war sonst der Tag, die Strecke?
Als Erstes wäre über die Wegmarkierung zu berichten. Sie ist, obwohl sie gewöhnungsbedürftig und sehr klein und unscheinbar ist, sehr effizent. Bisher war ein Verlaufen kaum möglich, wenn man nur bei jeder sich bietenden Kreuzung sehr wachsam ist. Die Markierung ist da und eindeutig. Es gibt sogar "no-go"-Markierungen.

Über die Gegend ist sehr wenig zu berichten. Nichtssagende Landschaft am Weg, wenn man aber Ausblick hat, dann ist sie nicht unreizvoll. Aber hier gibt es nichts Interessantes und Schönes. Es gibt kaum Häuser und nur wenige kleine Dörfer und es gibt KEINE Infrastuktur. Nachdem ich den Etappenort vom Führer rechts liegen ließ und noch 4Km weiterging, war hier erst wieder Quartier, Restaurant und Geschäft zu finden.
Summasummarum mit Wegezustand und dem Gesamteindruck: Wenn Frankreich einen Kopf hat, vermutlich Paris, dann ist hier in dieser Region das Gegenteil.

Im Hotel "Moderne" (das muss vor zig Jahren gewesen sein) nahm ich mir heute ein Zimmer für mich alleine (WC am Gang) um 37,- Euro. Das Mittagsmenü um 13,- war gut und reichlich. Ich hatte nach über 6 Stunden schweren Gehens auch schon einen Wolfshunger.
Aber jetzt passt wieder alles und ich bin stolz auf das Erreichte. Bis jetzt geht es mit dem Französisch auch ganz gut, ich habe noch alles bekommen, was ich brauchte.

Ab späten NM hört man im Gang, laufend Pilgergruppen ankommen. Da freue ich mich, schon ein Quartier zu haben. Bei der Tourplanung habe ich einen Fehler gemacht, der erst jetzt sichtbar wird. Die Urlaubs- oder Abschnittspilger beginnen ihren Weg am WE und gestern war Sonntag. Somit bin ich mitten in dieser Pilgerherde und anscheinend sind es nicht wenige, aber alles keine Einzelgänger.

So grüße ich Euch aus Frankreich und bleibt mir auch hier eine treue Leserschar.
Euer Pilger Walter

Viva la france!

Bericht vom So. 10.7.:
Ab jetzt werde ich leben wie Gott in Frankreich oder doch wie ein demütiger pelerin.
Aber zuerst muss ich noch aus Genf hinausmarschieren. Die Markierungstafeln sind reichlich und gut zu finden, so als wolle man die kapitalschwachen Pilger schnell und gut aus der Stadt hinausbekommen (nicht ernst gemeint).
Um 8:20 ist es noch ein schöner und sehr ruhiger Sonntagmorgen, kaum dass man Leute oder Autos auf der Straße sieht. Mit lockerem Schritt gehe ich durch die alte Zentrum und dann weiter hinaus aus der Stadt und besuche noch eine katholische Kirche romanischen Ursprungs am Weg. Hier halte ich mein sonntägliches Gebet, denn zur anschließenden Messe um 9h will ich nicht bleiben. Eine Stunde Messgestaltung in unverständlicher französischer Sprache dient nicht meiner innerlichen Einkehr, dass habe ich schon in Freiburg bei den Jesuiten bemerkt. Ich werde jetzt sonntags in Gedanken den Gottesdienst feiern.
Heute denke ich ganz besonders intensiv an meine Jakobikirche in Leoben. Dort feiern sie heute das Jakobifest und ich bin nicht dabei! Dabei wäre ich gerne mit Lukas an der Hand durch die Tischreihen spaziert.

Ich bin schon etwa drei Km gegangen, als die Häuser an der Straße einen noch typisch alten Charme der Vorstadt annehmen. Hier ist es noch persönlich und nicht so steril wie in der Stadt.
Aber von Minute zur Minute wird der Himmel finsterer, Regen kündigt sich an. Das gefällt mir gar nicht, trotzdem, und auch nach Bitten zum Jakobus, beginnt es zu regnen. Ich kann mich noch schnell unter einen überdachten Radabstellplatz einer Firma flüchten und hier sitze ich "äusserst bequem" auf den verschieden hohen Metallgestängen für die Räderfixierung und warte einmal ab, wie sich das Wetter weiter entwickelt. Ich habe heute nur eine kurze Etappe zu gehen. Die Regenwartezeit nutze ich, den heutigen Bericht bis hier her zu schreiben - Punkt

Nach einer Stunde kann ich weiter gehen. Das bischen Regen stört mich nicht. Aber zwei Km später, ich gehe gerade schutzlos entlang eines idyllischen Bachbettes durch einen Wald, da wird der Regen stärker und ich brauche mein Verhüteli. Ohne Probleme und Verrenkungen bekomme ich heute die Regenperlerine über mich und den Rucksack. Eh klar, da gab es auch keine Zuseher für eine kabarettreife Verrenkungsshow. So ging es ein Stück weiter und der Regen hörte fast auf. Nein, den Gefallen tue ich ihm nicht. Das Verhüteli bleibt oben, noch dazu gewittert es rechter Hand und der Regen kommt sicher zurück. Im letzten kleinen Dorf vor der Grenze wird es auch schon bedrohlich finster. Ich suche ein Gasthaus oder ähnliches. Ein paar Franken wären noch zu verputzen und ich könnte dort den sicher kommenden Regen abwarten. Aber da gibt es nichts und ich suche vorsorglich in einem Planenkuppelschuppen Schutz. Hier gibt es auch einen wackeligen Stuhl und bin leidlich gut aufgehoben für das nun niedergehende Gewitter mit Starkregen. Der Regen macht auf dem Planendach enormen Lärm.
Und den Bericht weiterschreiben, dass geht hier auch.

Nach 1 1/2 Stunden des Wartens keimt Hoffnung auf, dass ich weitergehen kann. Ich rüste mich und versuche den Regenumhang überzuziehen. Ich weiß nicht, lag es am noch nassen Umhang oder dass ich beobachtet werde - von einer Katze! Es wurde wieder zu einer für Zuseher heiteren Pantomimenshow. Habt ihr schon einmal eine Katze lachen gesehen? Ich denke schon und meine noch dazu ein sehr schadenfrohes Lachen von einer weißgrauen Katze gesehen zu haben.

Gut eingepackt marschierte ich weiter und ein paar hundert Meter weiter, konnte ich mich wieder auspacken. Es wurde sogar wieder richtig schön und der Boden dampfte, so wie ich aus allen Poren. Die Feldwege waren durch den vielen Regen voller Pfützen und total schlammig. Über eine kleine Brücke betrete ich französichen Boden. Jetzt heißt es achten auf die geänderte Wegmarkierung. Jetzt sind nur ganz kleine ca. 6 x 6 cm große Jakobsmuschelsymbole (gelb auf blauem Grund) zu sehen, wenn man sie aus der Ferne überhaupt erkennen kann. Man braucht dazu richtige Adleraugen.

Um 14h kam ich bei einem Restaurant Campingplatz vorbei, dem einzigen Lokal des heutigen Tages. Ich wollte essen, aber die Küche war schon geschlossen. Ich war aber auch mit einem leckerem Schinkensandwich und einem Bier zufrieden.

Nach einem steilen Anstieg mit klarem Umweg ereicht man eine Anhöhe, wo man einen guten Blick zurück auf Genf und den See nehmen kann. Man sieht sogar gut die hohe und berühmte Wasserfontäne. Über sehr schlammige Wege war dann das heutige Ziel Beaumont bald erreicht und die Quartiersuche begann. Es gab wie befürchtet keine Zimmer und es blieb mir nur das einzige Gite (Herberge). Was soll's, schön langsam finde ich mich drein. Die Herberge wirkt gemütlich und ich bin der Erste. Wenn ich Glück habe, bleibe ich auch alleine. Aber das sind Wunschträume. Nach und nach füllt sich die Herberge. Ein deutscher Pilger, ehmaliger Missionar und mit wenig Geld, schaut wie ein Rübezahl aus. Er schlief bis jetzt meist im Freien und so sah er aus.
Jetzt sind nochmals 2 x 3 Schweizerinnen gekommen. Das wird eine "unterhaltsame" Nacht.
Fürs Schlafen, Frühstück und Abendessen verlangt die Wirtin, eine sympathische Norwegerin mit sehr guten Deutschkenntnissen 33,- Euro.

Das wärs für heute, was es zu berichten gibt. Wann dieser Bericht online geht, steht in den Sternen, weil mein Telefonbetreiber "bob" wegen der hohen Kosten den Anschluss bis zur nächsten Rechnung gesperrt hat und vorerst nicht bereit war, den Anschluss wieder freizuschalten. Der Slogan "sprich mit bob" wird damit ad absurdum geführt.

Euer wegen der zweitägigen Telefonlosigkeit angefressener Pilger Walter