Montag, 15. August 2011

Ein Auf und Ab

Liebe Freunde eines Pilgers!
Ein Hoch der Gefühle läßt mich durch unnötige Widrigkeiten oft gleich wieder in ein Tief des Ärgers stürzen.
Der gestrige Abend und auch heute das Frühstück, haben mir bei heiterem und ernsthaften Plaudern mit den Schweizer Pilgern Edi ud Doris viel Freude bereitet. Es tat gut wieder ein normales Gespräch auf Deutsch zu führen und sagen zu können, was man meint. Mit einem gutem Essen (wieder gab es feine und regionale Feinheiten) und zwei Flaschen Wein (inkl.) wurde es ein fröhlicher Abend.
Edi und Doris machen heute ihren sonntägigen Ruhetag und so werde ich sie, bei ihren geringen Etappenlängen, kaum mehr am JW begegnen - leider, ich hätte gerne länger ihre Gesellschaft genossen. Und so ging ich trotzdem fröhlich gestimmt in den Tag, auch mit dem befreienden Wissen, für heute ein Zimmer zur Verfügung zu haben.

Mein Unternehmen JW hing oder hängt derzeit noch, an einem seidenen Faden. Es hängt mit der falsch gefertigten orthopädischen Schuheinlage des rechten Fußes zusammen. Schon am ersten Tag nach Cahors, dem Weitermarschieren nach dem Heimausflug, spürte ich Schmerzen zwischen Fußballen und Ferse. Statt besser, dass sich der Fuß daran gewöhnt, schmerzte es jeden Tag mehr und das Gehen wurde zur Qual, besonders am Morgen und wenn der Gehtag länger wurde. Da half auch der Spruch: "Es geht, wenn man geht" nichts mehr. Gestern merkte ich an der Fußaussensseite vor dem Knöchel eine Schwellung. Nun musst ich etwas unternehmen und so kann ich nicht weitergehen, denn sonst kann es passieren, dass ich gar nicht mehr weitergehen kann.
Zuerst bearbeitete ich die Schwellung und die schmerzenden Stellen mit einer Volteren-Salbe und heute ich die Schwellung fast weg. Dann überlegte ich ohne Einlagen weiter zu gehen, bis ich mir einen guten Ersatz kaufen kann. Dann erinnerte mich meiner Laufschuhe und wirklich gehen dort die Einlagen heraus und sie passen.
Nun ist die Druckstelle weg, aber schmerzfrei bin ich noch nicht unterwegs. Ich hoffe, dass sich die Stelle beruhigt und sich durch die einfache Einlage keine anderen schmerzenden Stellen am Fuß ergeben.

Für heute ist eine Wetterverschlechterung angesagt und dreimal gab es warnende leichte Regenspritzer, aber meine Bitten nach oben haben gewirkt. Ich war in der Unterkunft und es kam ein kurzer Regenschauer. Am Vormittag, der Gehtag war erst eine Stunde alt, gab es vom dunkler werdenden Himmel, einige dumpfe und warnende Grolllaute.
Und auch Euer Pilger Walter gab wegen schlechter und fehlender Markierungen sehr dumpfe und laute Grolllaute von sich. Es gibt zwei Wegvarianten. Und es gibt Richtung rechts eine Wegmarkierung mit Richtungsänderung und zugleich wird der Weg gleich 2x hintereinander mit "No-go"-Symbolen als gesperrt für Pilger markiert. Also wird die Markierung vielleicht für geradeaus gelten, aber es gibt keine weitere Markierung und ich versuche diesen Weg zu erkunden. Nach 100m endet der Wald und man steht vor einem endlosen Weinberg. Da führt zwar ein Weg weiter, aber er sieht nicht vertrauensvoll aus. So probiere ich einen zu ahnenden Weg neben den Wald weiter, aber da wird bald klar, dass kann auch nicht der Weg sein. Und wohin dann, nach oben oder unten vielleicht. Ich bin angefressen. Inzwischen haben sich an der Stelle fünf ratlose Pilger eingefunden. Es werden Streckenkarten gelesen und nichts gibt Aufschluss, wo könnte der Weg weitergehen. Ich, als guter Geher, probiere den Weinbergweg nach unten und marschiere etwa 500m nach unten und da wird klar, auch hier geht es nicht weiter. Also wieder zurück hinauf, ich gehe sowieso zu wenig und meine Füße sehnen sich nach Bewegung! Ein lautes und vom Herzen kommendes MERDE kommt über meine Lippen. Wir sind alle ratlos und drei Pilger gehen einfach querfeldein in eine andere Richtung, die aber sicher nicht richtig sein kann. Ich schaue einmal auf mein Handy-Navy, damit ich eine Straße in der Nähe orten kann, da zeigt es mir wider Erwarten, den schlechten Feldweg mit den Stoppmarkierungen als Weg an. Nun vertraue ich der Technik und gehe diesen Weg. Nach fast einem Km komme ich wieder an eine Markierung! Was soll das, fällt das unter Pilgerquälen? Auf jeden Fall ist meine Stimmungslage sehr tief und so richtig macht nun das Weitergehen keinen Spaß mehr.

Ich erreiche Eauze und will hier eine Rast machen, denn heute drängt nichts. Ins Zentrum finde ich auch ohne Markierung hinein, der Kirchturm reicht als Orientierungshilfe. Ich komme auf den Platz vor der Kirche und ein buntes Treiben eines Markttages empfängt mich. Das gefällt mir. Aus der Kirche strömen um 1/2 12 die Menschen und da komme ich fürs Erste nicht hinein und ich wende mich zur zweitwichtigsten Station zu, einem Restaurant, um ein Sandwich ein Bier und das Treiben am Platz zu genießen.
Ich warte schon eine Weile, bis endlich der Wirt mit einem Glas Wasser aus dem Lokal kommt und an einem Tisch serviert. Dann nimmt er Bestellungen an, auch meine. Nur gibt er mir zu verstehen, ich müsste mitkommen. Vermutlich will er, dass ich mir auf einer Tafel die Sandwichart aussuche. Er reagiert nicht auf meine Bestellung und weist mich an zu warten. Ich warte ..., er serviert ein Tablett nach dem anderen und ich mache mich bemerkbar ... warten! Er kassiert und noch immer wendet er sich mir nicht zu. Meine Füße rebellieren und wollen im Sitzen ausgestreckt werden und mein Durst ist auch groß. Als der Wirt nochmals vorbei geht, rufe ich ihm ein kräftiges L.M. zu, packe meinen Rucksack und gehe zum Nachbarrestaurant, wo ich freundlich aufgenommen werde.
Hier treffe ich ein reizendes älteres Ehepaar, die begeistert sind, mich als Pilger, der schon so weit unterwegs ist, kennen zu lernen. Ich bekomme zwei leckere Mehlspeisstücke geschenkt, die sie gerade am Markt gekauft haben. Sie bieten mir ihre Hilfe an, wenn ich etwas brauche, zum Beispiel ein Zimmer oder sie würden mich auch mit dem Auto zu meinem Etappenort Manciet bringen. Mit einem herzlichen Dank kann ich beides ablehnen, den Zimmer habe ich schon und es sind nur mehr 11Km.
Diese Bekanntschaft, ein gutes Sandwich, 2 Bier (0,25l) und das fröhliche Treiben haben mich gleich den blöden Wirt vergessen lassen.
Dann besuche ich kurz die interessante Kirche, es beginnt leider gerade eine Taufe. Und so gehe ich noch zwischen den Ständen herum und erspähe einen Weinstand. Ich bin schließlich im Herzen der Armagnac und plaudere kurz mit der Standbesitzerin. Sie bietet mir Kostproben an und ich bitte um einen Armagnac. Ich darf einen 15 Jahre alten Brand verkosten und das schmeckt dem Pilger Walter. Ich danke und will gehen, da bietet die Frau mir auch einen 20 Jahre gelagerten Armagnag an - die 0,7 Flasche um 45,- Euro. Da kann ich nicht nein sagen und ich sage Euch, die Kostprobe war großartig.

So mache ich mich gut gestimmt auf den Weg, wenn man hinausfinden würde aus der Stadt (kommt Euch das bekannt vor?) Keine Markierungen und der kleine Stadtplan im Führer ist auch keine Hilfe. Ich irre herum und frage drei Personen und bekomme vier unterschiedliche Antworten. Das hilft mir auch nicht weiter und ich steuere auf Gefühl eine große Straße an, die ist im Führer beschrieben ist und da finde ich dann auch die Ausgangsstraße. Da finde ich auch etwas anderes, nämlich bronzene Wegmarkierungen mit der Jakobsmuschel am Gehsteig. Nur diese Markierungen musst du erst sehen und das mitten auf einem Platz mit hunderten Menschen.

Über den Rest des Weges heute, ist nicht viel zu sagen, ausser dass man an vielen Weinstöcken vorbei geht.

Ich weiß nicht, ob Ihr das Auf und Ab nachvollziehen könnt. Aber die Umwege kosteten drei zusätzlich quälende Gehkilometer und da wird ein Pilger mit 1.800Km in den Beinen sensibel.
Übrigens, mit dem heutigen Tag, sind die geplanten Geh-Km bis SdC dreistellig geworden
Euer Pilger Walter

Samstag, 13. August 2011

Ausnahmezustand am JW

Liebe Freunde,
die Franzosen sind derzeit nicht meine Freunde, denn was sich jetzt, am langen WE am JW abspielt, ist Kampf um jedes Zimmer. Alle Franzosen sind derzeit am GR65, wie der JW offiziell heißt, und haben alle Unterkünfte okkupiert. Gestern habe ich sie beobachtet, wie sie, die zehn gestrigen Franzosen, vorgehen. Mein heutiger Etappenort soll schon voll sein und sie zücken ihre speziellen Quartierführer mit allen notwendigen Infos hervor und einer ruft alle in Frage kommenden Quartiere an und reserviert sich sein Zimmer. Die anderen machen es ihm nach. Über bleiben die lästigen Ausländer/Pilger.
Ich könnte es auch versuchen, doch bei unseren Telefontarifen würde das Zimmer gleich um einiges teurer werden. Ganz abgesehen von den mangelnden Französischkenntnissen.
Ich gehe wie immer im Gottvertrauen los und versuche irgendwie unterzukommen. Das hat bisher 64 mal funktioniert, so auch heute. In Montreal-du-Gers war zwar nichts mehr zu finden und ich wäre nach einem heißen Sommerhatsch nicht wählerisch gewesen. Auf gut Glück und es war eines, ging ich zum Office de Tourisme und erwarte am Samstag Nachmittag ein geschlossenes Büro. Doch gerade beendet die Angestellte ihre Mittagspause und ich kann meine Bitte um ein Bett anbringen. Es gäbe auch in der Umgebung Schlafmöglichkeiten und sie ruft an, ob etwas frei ist. Zwei bis drei Km weiter, auf einer Umwegsvariante gebe es noch ein Zimmer für zwei Personen. Das nehme ich ungeschaut und bitte die freundliche Frau für mich beim Hotel im nächsten Etappenort anzurufen und auch für dort habe ich morgen ein Zimmer :-) und dann, nach dem langen WE, dürfte es vielleicht wieder ruhiger werden - hoffentlich!

In meinem gestrigen Quartier, wo ich wieder gut gegessen und auch gut geschlafen habe, hat der freundliche Herbersvater beim Essen einen Begriff für mich gefunden, als er von den anderen Pilgern hörte, dass ich sehr flott marschiere.
PGV - in Anlehnung an den französischen Paradeschnellzug TGV nannte er mich PGV.
TGV = Train Grand Vitesse (frei übersetzt: Zug mit großer Geschwindigkeit)
PGV = Pelerin Grand Vitesse
Ich fühle mich geehrt :-)

Heute morgen war Hochnebel mit feinem Nieselregen angesagt, aber nach einer Stunde setzte sich die Sonne durch und wie! Es hat hier jetzt angeblich nur um die 30Grad (es fühlt sich aber deutlich heißer an) und da haben wir Pilger aber ein Glück, denn normalerweise hätte es hier um diese Zeit 35-40° - da sind wir aber froh! Momentan ist es ein arges Schwitzen.

Die Sonne geht auch in den hier zahlreichen Weingärten ordentlich an die Arbeit, denn die ersten Weintrauben werden schon süß. Ein paar habe ich schon probiert.

Mit den Wegmarkierungen hatte ich heute wieder meinen Ärger. In der Stadt Condom wird der JW nicht in die Altstadt geführt und ich musste mir selbst den Weg zur interessanten Kathetrale suchen und auch die Suche an den Anschluss zum JW blieb mir selbst vorbehalten. Und dannam JW war eine Wegsituation so blöd angezeigt, dass ich mit voller Überzeugung einen falschen Weg einschlug und auch im Führer war diese Abzweigung so zu lesen. Nach einigen hundert Metern begannen sich Zweifel zu mehren, ob ich hier richtig sei. Schon lange habe ich keine Markierung mehr gesehen. Bin ich richtig oder bewege ich mich auf Abwegen? Diese quälende Frage kommt dann immer hoch. Ein Stück noch nach vor schauen, aber auch beim Kreisverkehr gibt es keine Markierung. Ich muss falsch unterwegs sein. Also mit Zweifel umdrehen und einen Km zurück gehen! Ich probiere die andere Variante und da passt es dann - Ärger und Freude zu gleich! Aber gleich darauf, die ähnliche Situation, ich sehe schon wieder keine Markierung und gehe wieder zweifelnd weiter, bis 500m weiter, endlich eine Markierung anzeigt, dass ich am richtigen Weg bin. Wisst Ihr, wie lange da 500m werden?
Der Stadt Condom gehört selbiges übergezogen, damit sich die inkompetenten Tourismus- und Wegeverantwortlichen nicht vermehren können.

Wie ich so in der prallen Mittagshitze marschiere, sehe ich eine Pilgerin vor mir. Schnell komme ich näher und glaube nicht recht zu sehen. Sie geht mit langen Hosen und Gamaschen, einer Jacke, Handschuhen und einer Sommermütze mit Ohrenschützern. Glaubt sie sich auf eine Nordpolexpedition.
Auch meine Mitschläferinnen im gestrigen Zimmer dürften unterkühlt sein. Ich liege nur mit einem Leintuch im Bett und sogar das habe ich in der Nacht weggegeben, weil es im westseitigen Zimmer so heiß ist und ich liege nur mit meiner Sporthose im Bett. Die beiden liegen in ihrem Schlafsack und haben sich noch mit einer Wolldecke zugedeckt.

In Montreal-du-Gers höre ich seit längerer Zeit endlich wieder deutsche Worte. Am Platz vor dem Tourismusbüro werde ich von Edi und Doris, zwei Schweizern und von Jutta, einer Deutschen begrüßt. Das ist eine Wohltat, wieder deutsch zu hören und zu sprechen. Das Schweizer Ehepaar ist auf Genusspilgerschaft. Das heißt, sie gehen den ganzen Weg von etwa Bregenz weg, bis Santiago in einem gemütlichen Tempo und mit wenigen Tages-Km. Sie sind schon um den 20. Mai weggegangen und haben sich kein zeitliches Ziel gesetzt. Sonntags machen sie immer Pause. So wäre ich auch gerne unterwegs, aber dann wäre ich ein halbes Jahr von meiner Familie getrennt und auch finanziell wäre es eine Herausforderung.
Alle Drei wohnen heute auch in meinem Quartier und ich freue mich schon eine Konversation auf Deutsch zu führen. Die verzweifelte Jutta musste ich im 2.Bett in meinem Mini-Zimmer aufnehmen, weil ich das letzte Zimmer bekommen habe. Sie hätte sonst ins Ungewisse und weit, weitergehen müssen.

So habe ich es wieder geschafft ein Bett zu bekommen und auch ein Bericht ist sich ausgegangen, obwohl mir unterwegs nichts eingefallen ist.
Übrigens, wundert es Euch, dass ich 500m vor meinem Quartier, keinen Geist hatte, eine interessante Römerausgrabung zu besichtigen? Es war 14:30 und der Km-Zeiger zeigte 30Km an.
Euer Pilger Walter

PS: Gerade hat eine 4-köpfige französische Wandergruppe weitergehen müssen, weil nichts mehr frei ist. Es gibt doch eine ausgleichende Gerechtigkeit

Freitag, 12. August 2011

Wie stellt man einen Hahn richtig ein

Liebe Freunde, vielleicht wisst Ihr einen Rat, wie man folgendes Problemchen lösen kann.
Normalerweise habe ich hier am Jakobsweg einen guten Schlaf, wenn er nicht durch äussere Geräusche gestört wird (siehe diverse Vorberichte). Eine alte Volksweisheit sagt: Der Hunger ist der beste Koch und so ist die Müdigkeit das beste Schlafmittel.
Beim Munterwerden kann ich meiner inneren Uhr vertrauen, um 6Uhr werde ich verläßlich munter. Unterstützt wird das Munterwerden von zusätzlichen Weckdiensten, wie den zunehmenden Straßenverkehr, das Stundengebimmel der Kirchturmuhren und das aufmunternde Krähen der Hähne.
Doch was ist heute los mit dem gallischen Hahn? Mitten in der Nacht, werde ich kurz munter und meine innere Uhr signalisiert: "Weiterschlafen!". Ich drehe mich um und will mich gerade wieder in den Schlaf eines Gerechten fallen lassen, da höre ich das heisere Krähen eines Hahnes. Weiterschlafen, rebelliert mein Inneres, der Schlaf reicht noch nicht. Da höre ich ganz deutlich den örtlichen Hahn zum 2. Mal krähen. Uuups, habe ich verschlafen? Wegen der Zeitverschiebung krähen hier die Hähne kaum vor 6Uhr, denn davor ist es finster. Ich drehe das Licht auf und blicke auf die Uhr - 3:15!!! Und zur Bestätigung, dass ich nicht geträumt habe, kräht der Hahn mit der pre-senilen Nestflucht, noch einmal. Was ist los, du gallischer Hahn? Um diese Zeit kannst du nicht einmal vom Kirchturm, von wo du oft herabblickst, einen morgentlichen Schimmer am Horizont sehen. Du bist eindeutig falsch getaktet! Wie kann man dich richtig einstellen, einen Uhrmacher gibt es, aber einen Hahnmacher? Es wäre für dich überlebenswichtig, zur richtigen Zeit die Menschen zu wecken, denn ich kenne zum Beispiel Pilger, die nehmen dir eine nächtliche Störung krumm und dann musst du auf deinen Kragen aufpassen.
Also weiß jemand von Euch wo und wie man einen Gockelhahn einstellt, dass er zur richtigen Zeit weckt?

Wie Ihr seht, liebe Freunde, sind die Erlebnisse auf dem JW vielfältig und rund um die Uhr zu erleben. Nur wenn die Sonne ab Mittag gnadenlos auf ein kleines Pilgerlein, dass sich über den Chemin kämpft, herrunter knallt, dann erlebt man nichts mehr und kämpft nur noch ums Überleben mit dem Rest in der Wasserflasche.

Am Vormittag ist das Wetter noch angenehm, weil Schleierwolken die Sonnenkraft einschränken. Und da geht es beim Gehen auf Pfaden zwischen Straßen und Feldern und dann über angenehme Waldwege toll dahin.
Schon ist auf einer Anhöhe die kleine Stadt Lectour mit dem mächtigen Turm einer ehemaligen Bischofskirche zu sehen. Ein steiler Anstieg noch und ich stehe am Kirchplatz und mitten in einem Markttagstreiben - so ein Mittelding zwischen Bauernmarkt und Gösser Kirtag. Gerne bummle ich an den Ständen vorbei und die Hälfte bietet Köstlichkeiten der regionalen Küche und der Felder und Wälder an. Es gibt große Herrenpilze, Eierschwammerl (Pfifferlinge für meine ausländischen Leser) und was saisonal gerade reif ist. Natürlich Käse und vieles mehr. Auch teure Gläser mit den in Fett eingelegten Entenleberstücken.
Begeistert bin ich von einem Spielzeugstand, wo noch "altes" Blechspielzeug, wie sie in meiner Kindheit modern waren, angeboten wurde. Für Lukas hätte ich gerne ein Auto, ein Ringelspiel oder einen Hüpffrosch gekauft, aber als Pilger kann ich nichts mitnehmen.
Auch leckere Speisen wurden gegart, nur um 1/2 10 Uhr ist es dafür noch zu früh und bis Mittag zu warten, ist bei einer noch zurückzulegenden Wegstrecke von mindestens 15Km nicht sinnvoll. Auch gibt es keine Sitzgelegenheiten für müde Pilgerbeine und so bleibt es beim Bummeln durch den Markt.

Und nun muss ich etwas gestehen, besonders meiner Frau, ich habe geküsst! Wie es dazu kam?
Beim Bummel durch die Marktstraße finde ich keine Wegmarkierungen mehr. Entweder fehlten sie oder sie wurden durch die Stände und Autos verdeckt. Auf jeden Fall wird das Bummels zu einem Irren und da treffe ich Isabelle, eine fröhliche Französin, die ich ein paar Km vorher kurz kennen gelernt habe. Ihr geht es gleich wie mir und sie findet auch nicht aus der Stadt. Gemeinsam fragen wir dann eine Gite-Betreiberin und da wird es kompliziert. So ca. 8 mal geht die Wegbeschreibung wechselhaft von "a droite" zu "a gauche" und weiter rechts und links. Wir sind verwirrt und Isabelle schreibt sich schnell alles auf und gemeinsam mit meinem Handy-Navy suchen wir uns skeptisch aus der Stadt hinaus. Wir wissen nicht, ob uns die Beschreibung an den JW führt. Wir gehen schon ein ordentliches Wegstück, da erspähen wir gleichzeitig auf der anderen Straßenseite unser Jakobszeichen. Voll Freude geben wir uns die Hand und ich habe sie geküsst - die blaue Tafel mit der gelben Muschel (was dachtet Ihr?). Daniela machte es mir lachend nach und dann gingen wir wieder getrennt unserer Wege, nach dem Motto gemeinsam kämpfen und getrennt marschieren.

Ärgerlich war es noch in einem kleinen Ort, da war im Ort, obwohl es mehrere Wege gab, kein einziges Wegzeichen zu finden und so irrte ich in der Mittagssonne herum, probierte hier, sah dort nach und nahm dann die Straße, die mich glatt in die falsche Richtung führte und mehr als einen Km Umweg bedeutete.
Über den Rest des Weges von 10Km kann ich nichts berichten, denn in der prallen Sonnenbestrahlung hatte ich ein Blackout.

Als Quartier habe ich heute eine Zwischenlösung zwischen Gite und Chambres d'hotes gefunden, ich habe in der Hitze auch gar nicht weitergesucht und das örtliche Angebot ist sehr bescheiden. Es ist ein großes Haus in einem prächtigen Garten. Die Zimmer sind aber auf Mehrfachbelegung ausgelegt, es stehen 3 Betten im Zimmer und ich hatte Glück, noch ein Bett zu bekommen, sonst war alles reserviert. So schlafe ich heute mit zwei Frauen im selben Zimmer und wie ich gerade sehen konnte, ist eine der Frauen, meine Wegsucherin Isabelle.
Hier bekomme ich wieder Halbpension und zahle 35,- inkl. extra Leintuchdecke und Badetuch. Das Badetuch war auch nach dem erfrischenden Bad im Swimmingpool praktisch.

Nach zwei kleinen Bier, der Dusche und dem Schwimmen bin ich wieder einsatzfähig, aber derzeit nur mit den Daumen beim Schreiben, denn meine Füße erholen sich noch am Bett.
Euer Pilger Walter

Donnerstag, 11. August 2011

Sonne und Sonnenblumen

Liebe Freunde der französischen Küche
Wieder muss ich Euch von meinen kulinaischen Erlebnissen berichten.
Im gestrigen Restaurant bekomme ich ein 4-gängiges Menü um 14,- Euro. Ich kann aus 2 Vorspeisen und 2 Hauptspeisen wählen. Dazu kommt wie üblich Käse und mehrere Dessertmöglichkeiten. Meine Auswahl würde a la Carte 28,- Euro kosten und so kann ich sehr günstig, sehr ausgiebig und sehr gut essen.
Als Vorspeise wähle ich etwas mit Ei (den endlos langen Namen habe ich nicht übersetzt) und denke an eine Art Eierspeise. Bekommen habe ich auf einer Salatplatte mit feinem Dressing, zwei kalte und weich gekochte Eier ohne Schale und dazu einige Scheiben von Enten- oder Gänseleber. Dazu muss man wissen, dass in dieser Gegend die Enten- und Gänsemast sehr verbreitet ist, um zur begehrten Stopfleber, die hier als Delikatesse gilt, zu kommen. An und für sich, wäre diese Tierquälerei in der EU verboten, aber es wäre nicht die Grande Nation, wenn sie dies akzeptieren würde. Man hat einfach die Geflügelmast und die Stopfleber zum regionalen Kulturgut erhoben und so dürfen die Enten und Gänse legal gequält werden. Natürlich schmeckt die Leber großartig, aber es müsste nicht sein.
Als Hauptspeise wählte ich wieder eine Entenkeule, diesmal gegrillt und mit Pommes frites. Auch sie schmeckt lecker und ist sehr saftig. Ich finde, das Essen habe ich mir verdient.
Beim Essen saß ich mit zwei Belgiern und einer Französin an einem Tisch, die ich unterwegs schon ein paar Mal getroffen habe. Wir führten die Konversation auf Englisch, das geht bei mir noch am Besten.

Ein erholsamer Schlaf in einem guten Bett und in ruhiger Umgebung, hat meine heißen Füße wieder beruhigt. Derzeit plagt mich noch zusätzlich die neue rechte Schuheinlage. Sie wurde anscheinend etwas anders gefertigt, als das Modell vor Beginn des JW. Das Gehen, besonders auf ebener Straße schmerzt sehr, aber mein Fuß gewöhnt sich schön langsam daran und es wird schon besser.

Heute ist wieder ein Prachtwetter - es ist endlich Sommer, mit der Begleiterscheinung, dass es ab Mittag ganz schön heiß wird. Da ist das morgentliche Gehen, wenn die Sonne erst aufgegangen ist, besonders erfrischend.
Eigenartig ist, dass ich heute, im Gegensatz zu den Tagen davor, eine Reihe von Wanderpilgern treffe und überhole. Sie gehen einzeln oder in Kleingruppen. Es kommt mir vor, als wenn der 11. 8. ein nationaler Wandertag wäre.
Spaß macht mir dann immer, wenn sie mich hinter sich nachkommen hören. Das Poch, Poch, Poch, Poch meines Doppelstockeinsatzes ist auf den Straßen weithin zu hören und als guter Marschierer ist der Pilger aus Autriche schon weithin bekannt. Die Wanderer drehen sich dann um, oft mehrfach, und ich komme ihnen immer näher. Einige geben auf und schauen mir entgegen, wie ich flotten Schrittes aufschließe. Oft grüße ich mit einem "Bonjour oder Grüß Gott or Hello!", damit ich die Nationalität bzw. die Sprache feststellen kann. Fast immer sind es französisch sprechende Pilgersleute.

Ein besonders reizendes Erlebnis hatte ich bei einem Bauernhof oder Katzenhof, wie ich es nannte. Eine Vielzahl an Katzen liefen und lagen im gesamten Hof herum. Ich habe mich vergeblich bemüht sie zu zählen, immer waren sie aber in Bewegung oder in einem versteckten Eck saß wieder eine Mitze. Ein paar Minuten sah ich dann vier jungen weißen Katzen beim Spiel zu und sie regten mich zu einem breiten Schmunzeln an.

Ich komme hier in Frankreich jeden Tag durch kleine und größere Orte durch und für den August sind fast in jedem Ort Konzerte und Feste avisiert, aber leider nie zu der Zeit, wenn ich gerade dort bin. Entweder war die Festlichkeit schon vor Tagen oder ich bin zu an dem Tag dann schon wieder weiter gezogen. Es wäre bereichernd, einmal Fest miterleben zu können.

Das Gehen über die sanften Hügelketten lassen den Blick über weite Sonnenblumenfelder schweifen und das leuchtende Gelb dieser Blumen und die Bäume mit ihrem sattem Grün und dazu der azurfärbige Himmel, lassen mich oft innehalten. Es ist eine Augenpracht. Schade, dass meine Malkunst auf gleicher Ebene wie meine Sprachkunst steht.

Die Streckenplanung hat mir für heute eine gemütliche 22Km Etappe beschert, denn zum Erreichen des nächsten Ortes mit nennenswertem Quartierangebot, müsste ich schon 33Km marschieren. So genieße ich das frühe Erreichen des heutigen Zieles und warte in einem schattigen Gastgarten bei einem kühlen Bier, bis ich in mein Zimmer kann.
Heute bin ich schon zum dritten Mal hintereinander von meinen Gastgebern mit einem kaltem Getränk empfangen worden (auch 2x mit einem kühlen Bier!) und heute war der Empfang lustig, denn die Gastgeberin setzte sich zu mir und sie konnte kein Wort in einer anderen Sprache sprechen, und trotzdem führten wir eine kleine Konversation bei der wir uns mit einzelnen Worten verständigten :-)
Heute gab es für 25,- Euro ein einfaches, aber sauberes Zimmer mit Extra Dusche und WC. Zum Essen gehe ich dann 50m zu einem Restaurant, dessen Besitzer eine österreichische Mutter hat. Er ist zu Mittag, wie ich mein Bier genoss, extra aus der Küche zu mir gekommen, um mich zu begrüßen.

Das war der Bericht über einen guten Gehtag und meine wiedergewonne Gehfreude hat mich singend, betend und auch lachend durch den Tag getragen.
Euer Pilger Walter

Mittwoch, 10. August 2011

Kraft und Motivation

Liebe Freunde,
nun muss ich ein Geständnis machen. Die Kraft und die Motivation sind die wichtigsten Faktoren beim Gelingen meines Zieles, den JW im Gesamten zu begehen. Alles andere ist nur Beiwerk, ob es besser oder schlechter geht.
Und seit etwa zwei Wochen merke ich, das Beides schwindet. Das geht ganz langsam vor sich, wie bei einem Fahrrad mit schleichendem Patschen. Zuerst wollte ich es gar nicht wahr haben, aber es ist so und ich muss dies zur Kenntnis nehmen und darauf reagieren. Der gestrige Tag war das beste Beispiel.
Der demotivierende Moment war, so glaube ich, die Halbzeit. Auf der einen Seite das stolze Gefühl, schon die Hälfte geschafft zu haben und dabei die fast schreckliche Erkenntnis, noch einmal soviel Gehen zu "müssen".
Von da an wurde das Gehen schwerer. Und wie gesagt, man (ich) will es zuerst nicht wahrhaben. Auch das kurze Luftholen zu Hause, brachte wohl Erholung und Freude, aber die Kraft und die Motivation hat es mir auch nicht verbessert. Das konnte ich nach den ersten zwei Gehtagen bemerken, auch wenn ich den Zustand selbst nicht merkte. Erst der gestrige Tag zeigte es auf.
Gestern hatte ich, wie auch beschrieben, am Beginn einen wunderbaren Gehtag mit vielen schönen Momenten und ich war glücklich das so zu erleben. Zugleich und vielleicht war dies auch eine Reaktion auf das "Müdewerden", trödelte ich für meine Verhältnisse.
Eigentlich wäre alles bestens gewesen und doch war es fast erschreckend, wie schwer mir das Weitergehen nach der kurzen Rast am schönen Platz in Lauzerte geworden ist. Der Rest des Tages war dann wieder, wie schon auf einigen Streckenteilen, ein mühevolles Nachvormaschieren zum Tagesziel. Vielleicht habe ich mir gestern unbewußt ein gutes Quartier genommen, damit ich mir etwas Gutes tue. So richtig ist mir die Erkenntnis, über das Schwinden meiner Kräfte trotzdem gestern noch nicht gekommen. Erst eine lange Nacht mit gutem Schlaf, in einem guten Quartier und Bett, haben mir die Augen geöffnet.
Ich muss etwas tun, damit ich mein Ziel erreiche und das sofort. Diese Erkenntnis ist der wichtigste Punkt, eine Änderung herbei zu führen. So wie oft in den Berufsjahren, wenn es Tiefschläge gab, kann nur ich den Zustand verbessen. Da waren mir oft drei Aspekte hilfreich: erkenne, reagiere, handle!
Endlich erkannt und eingestanden habe ich mir das Problem. Nun also nicht hinauszögern, sondern reagieren. Das ist dann schon leicht gemacht, denn mit dem Erkennen ist die Schwelle überschritten. Was hat mich für den Weg stark gemacht? Der Wille ein großes Ziel zu erreichen und das mit aller Kraft umzusetzen. Ich brauche nur, wie am Beginn mit aller Energie, und die habe ich, wenn ich nur will, meinen Weg beschreiten. Vorwärts stürmen und sich nicht irre machen lassen, von anderen Pilgermassen. Geh einfach deinen Weg, so wie du ihn gehen willst und kannst - Vorwärts!
Ja, und so handelte ich heute und ich muss Euch sagen, dass heute war wieder der alte (junge) Pilger Walter.
Mit voller Energie bin ich den Weg angegangen und es hat wieder Spaß gemacht, zu Marschieren in meinem bewährten und flottem Trott.

So, liebe Freunde, nun ist das "Geständnis" draussen und ich bin wieder guter Dinge, dass ich meinen Weg schaffen werde.

Die heutige Etappe hat mir zum Aufrichten auch sehr geholfen. Das Wetter war prächtig und zum Gehen war es heute sehr gut. Viele Wege waren neben der Straße angelegt und da war ein ausgreifendes Gehen möglich. Schnell war die Stadt Moissac erreicht und die Abteikirche Saint-Pierre ist hier ein Schmuckstück. Berühmt ist da auch das Portal mit vielen figürlichen Darstellungen, besonders die der Völlerei. Und dann besichtigte ich den berühmten Kreuzgang (gratis, denn ich habe die Kasse nicht gesehen).
Der Kreuzgang soll der größte und schönste in ganz Frankreich sein. Es sind noch 76 Kapitellen erhalten und somit der am reichsten ausgestattete Kreuzweg der Romantik. Es war wirklich beeindruckend und das einfallende Sonnenlicht hat die Perspektiven gut betont. Das war heute ein schönes Erlebnis.
Dann ging es am Damm des Flusses Tarn und noch viele Kilometer entlang der Garonne weiter. Immer eben am asphalierten Dammweg mit gutem Baumschatten. Das war ein schönes Gehen und viele Radfahrer und Wanderer waren unterwegs. Im Kanal fuhren die in Frankreich bekannten Hausboote und das ergab ein lebendiges Bild. Und dazwischen marschierte im wieder flottem Schritt, ein Pilger, der unbedingt SdC erreichen will, nämlich ich!
Die letzten 5Km bis zu meinem heutigen Ziel Auvillar, nun abseits der Garonne und in voller Sonnenbestrahlung, waren schnell marschiert und ich konnte nach 32Km ein sehr nettes und gutes Privatquartier um 30,- direkt neben der Kirche finden.
In dieser Kirche habe ich heute so mein Kreuzzeichen gemacht:
"Mit Segen des Vaters, der Kraft des Sohnes und dem Willen des Heiligen Geistes. Amen."!

Ich wurde gefragt, was macht das Singen? Ja, jeden Tag singe ich Lieder aus meinem Repertoire und es kommt auf die Stimmung und die Schwere des Weges an, wieviel und mit welcher Begeisterung ich singe. Eines weiß ich aber schon, mit den 3 Tenören werde ich sicher nie auftreten. Es macht mir einfach Freude zu singen und oft ist es befreiend und es geht dann wieder mit Schwung weiter.
Folgendes Wanderlied habe ich heute beim Gehen entlang des Dammweges umgedichtet:
"Hühao, alter Schimmel, Hüaho, ..."
Das wird nun mein Pilgerlied:
"Geh nur geh, alter Pilger, geh nur geh, tun dir auch deine Füße schon weh, geh nur weiter, geh recht viel, dann erreichst du auch dein Ziel, geh nur geh, alter Pilger, geh nur geh.
Singt es einfach einmal. Mir geht nun die Melodie nicht mehr aus dem Kopf.

Somit wird morgen Euer Pilger Walter wieder weiter GEHEN! Ultreia Walter, rufe ich mir selbst zu.

Dienstag, 9. August 2011

Ueberleben in Frankreich

Liebe Freunde zu Hause!
Oft bin ich schon gefragt worden, wie ich in Frankreich zurecht käme, mit den Verhältnissen, dem Essen und der Sprache? Vielleicht erklärt folgender Bericht einiges auf.

Zuerst einmal, die Qualität der Quartiere und da nehme ich einmal beispielshaft das von gestern auf heute her. Das Zimmer gefällt mir und es scheint auch sauber zu sein. Am NM beim Duschen nehme ich den Zustand als gegeben hin. Dass ein Duschkopf über Kopf und fixierbar ist, das erwarte ich nicht mehr. Es stört mich auch nicht, wenn ich trotz Müdigkeit in den Beinen, in der Dusche hin- und herlaufen muss, damit mich die wenigen Wasserstrahlen erwischen und abschwemmen. Dass die Wasserhähne vertauscht sind - warm ist rechts und kalt links, trotz anderer farblicher Markierung, ist auch fast normal und man merkt es von selbst, wenn der Rücken von einem brühend heißem oder von einem kaltem Strahl abgeduscht wird, dann kann man sich entsprechend richten.
Interessant wird es abends, wenn die Betätigung eines kleinen metallenen Schalters keine erhoffte Wirkung hat - es bleibt finster in der Sanitärecke. Gewitzt von anderen Erfahrungen taste ich die Lampe ober dem Spiegel nach einem weiteren Schalter ab. Das Einzige was ich zu fassen bekomme, ist die gesamte Lampe, die jetzt mit zwei Kabeln hintenan, in meinen Händen liegt. Leider habe ich mein E-Werkzeug nicht mit, denn dann wäre das Problem keines mehr. So drücke ich die Lampe mit den Befestigungsdübel wieder in die Wand und übergebe somit das Problem meinem Nachfolger. Ich gebe mich in der Badeecke mit 4-5 Watt der 25-Watt-Beleuchtung des Wohnzimmers zufrieden und beim Rasieren am Morgen stelle ich mir das Nachtkästchenlicht auf das Glasfach und sehe mich leidlich genug, aber ich kenne mich nun eh schon seit 61 Jahren.

Und nun ein beispielshafter Exkurs über die Essenserfahrungen und die Sprachenkenntnisse.
Leider bietet meine Zimmervermieterin keine Halbpension an und ich muss mich ernährungstechnisch ins feindliche Gebiet, sprich Bar/Restaurant begeben.
Wie immer bin ich viel zu früh dort, schließlich sind wir es gewohnt früh zu essen und der Pilgermagen ist auch schon leer. Es gab untertags nur ein Sandwich, eine Schnittensüßigkeit und ein kleines Schokogebäck von einer Bäckerei und das für 32Km. Da ist es verständlich das sich Pilger wie hungrige Katzen schon vor den Öffnungszeiten der Wirtshausherde um die Essenszentren herumtreiben.
Vor den Tischen auf und ab zu gehen schaut auch blöd aus und so nehme ich Platz und bestelle ein Pilgergrundnahrungsmittel - ein Bier und das schmeckt. Dann im Vorbeigehen meine ich zur Kellnerin, "le menu?" und zeige auf die Tafel mit einer diesbezüglichen Aufschrift. Ich will ein günstiges Menü essen, dass ein Knochengerüst (siehe Vorbericht) sättigt und füllt. Ich wollte wissen ob es das Menü gibt und ich es bekommen kann. Die Kellnerin bestätigt meinen Wunsch und deckt meinen Tisch auf, mit den obligaten Papiertischsets, Besteck und Weinglas. Die Papiersets sind in Frankreich entweder mit Werbeinseraten bedruckt oder in diesem Fall sinnigerweise mit der Speisekarte. Ich brauche sie nicht, denke ich, sie bringt mir gleich, bzw. wenn die Küche öffnet, das Menü.
So sitze ich und warte und trinke mein Bier und weil ich Zeit habe übersetze ich mit meinem Handyübersetzer das Hauptgericht des Menüvorschlags: "Tendrons de Veau ..." - das hat was mit "Brustspitzen" zu tun (Super!), aber vom Kalb (anders wäre es attraktiver gewesen). Was auch immer das ist, ich bin aufgeschlossen für die regionale Küche und lasse mich überraschen.
Auf einmal kommt die Kellnerin, ob ich gewählt hätte. Nein, ich will ja das Menü, das mit den Brustspitzen, eh schon wissen :-)
Menü gibt es aber nicht und ich muss mir aus der Karte mein Menü zusammen suchen. Na gut, jetzt muss es schnell gehen, denn die Essenskonkurrenz ist groß, aber größer ist der Pilgerhunger. Nun muss ich etwas wählen, das mit minimalsten Aufwand (Geld) einen höchstmöglichen Sättigungsgrad erreicht. Also muss es eine Vorspeise sein, denn da gibt es einen Korb Brot dazu und das alleine füllt einen Teil des Magens. Und dann noch eine zünftige Hauptspeise. Das sollte reichen, dass gar keine Gelüste für teuren Käse oder verlockender Nachspeise mehr aufkommen.
Ich wähle also: Salade de gesiers (im englischen Teil der Speisekarte kann ich Huhn identifizieren) und Hache frites (faschiertes Leibchen oder Hamburger mit Pommes). Damit schätze ich, werde ich satt.
Dazu bestelle ich ein 1/4 Pichet Rose und deute auch auf die Karte. Dazu möchte ich auch eine "Carafe de l'eau". Die Kellnerin frägt mich noch ob es eine große sein soll. Natürlich, ich habe Durst und Wasser ist gratis.
Bekommen habe ich sogar einen Liter Wasser, aber auch einen halben Liter Rosewein. Na gut, an einem zusätzlichen 1/4 Wein wird es bei mir nicht scheitern und mir wird es schmecken.
In der Wartezeit schaue ich nach was "Salade de gesiers" vom Huhn ist. Es ist ein Salat mit Hühnermägen. Kein Problem, den ich weiß, das die Hühnermägen gut schecken und so war es auch. Sie waren auf Salat angerichtet und mit Dressing verfeinert. Es hat geschmeckt und dazu habe ich alle sechs Stück Baguette (kleine Stücke) gegessen - sie sind lecker und cross gebacken und sie füllen den Magen! Die Hochrechnung ergibt: Ich werde satt werden!
Es kommt die Hauptspeise, so wie ich es vermutet und bestellt habe und ein weiteres Körbchen Brot. Beides lasse ich mir schmecken, aber anstandshalber lasse ich zwei kleine Stücke Brot im Körberl über - ich bin satt und könnte nichts mehr essen. Zwanzig Euro habe ich dafür bezahlt, dafür ist das Zimmer billig.
In der Unterkunft wäre noch ein Schnaps gut, denn die 10 (kleinen) Brote waren vielleicht doch zu viel :-)

Und nun zum Tagesbericht.
In diesem Quartier gibt es fürs Frühstück "Self Service". Somit brauche ich nicht warten und kann gleich nach dem Munterwerden (6h) mich fertig machen und schon um 7h bin ich in den noch sehr grauen Morgen losgegangen. Man merkt hier schon sehr den westlichen Standort - ich schätze, dass die Sonne mindestens um eine Stunde später aufgeht.

Das frühe Losgehen wird belohnt von einer tiefen Stille. Keine Menschen und Pilger sind unterwegs. Es ist ein Genuss und es scheint nun wirklich etwas weniger los zu sein, denn ich treffe nur wenig "Pilger".
Das gibt auch Ruhe für den Pilger Walter. Ich kann den Weg genießen und ohne Druck gehen. Am VM bummle ich sogar und genieße die Natur.
Weite Sonnenblumenfelder wohin man schaut. Meist sind sie schon abgeblüht, aber eines erlebe ich in Hochblüte - es ist wunderschön. Kurios ist, was oft ungezählte Pilgerkomiker aus den Sonnenblumen am Wegrand machen. Sie zupfen die kleinen Blütenkelche aus dem Kerngesicht in einer Art aus, dass sich mit den dunklen Kernen ein Smilie-Gesicht bildet. Und so begleiten meinen Weg nicht nur tausende Sonnenblumen, sondern auch zig Smilies am Wegrand.

Nur ein paar hundert Meter vom Talboden weg, wird der Boden wieder unfruchtbar und nach dem Sonnengelb kommt nun das lilafärbige der hohen Disteln, gemischt mit dem Blau der Kornblumen ins Blickfeld.
Auf der anderen Seite lockt das Schwarz reifer Brombeeren und nicht weit davon ist der Boden rot-blau bedeckt von den abgefallenen Zwetschken einer großen Plantage. Die Früchte sind schon überreif, picksüß und sehr saftig. Ich gebe mein OK für die Ernte zur Schnapsgewinnung.

Bald sind wieder weite Sonnenblumenfelder zu sehen und auch kleine Bambuswäldchen (!) sind zu finden.
An den Südhängen wird Weinbau betrieben und auch die Trauben nehmen schon Farbe an und werden schon blau.

Dann steht ein steiler Aufstieg am Progamm. Es ist sehr erdig-steiniges Bergaufstück und der Weg ist zum Glück trocken. Sonst wäre der Aufstieg schwierig, es wurde dafür auch extra ein Seil gespannt. Auch der Abstieg von der Hochebene war gleichfalls so schwierig zu begehen, auch hier gab es Seile zum Festhalten. Bei Regenwetter möchte ich hier nicht gehen.

Nach 16Km ist der wunderschöne Ort Lauzerte erreicht. Er liegt am Hügel und ist schon von weitem sichtbar. Der kleine Dorfplatz ist von einer schlichten Schönheit und die Häuser sind wunderbar renoviert.
Noch ist es ruhig hier (um 11h) und ich kann in Ruhe meine Jause am Dorfplatz verzehren, doch laufend kommen nun Touristen, die sich dieses Kleinod ansehen wollen. Von dem Dorf hat man auch einen fantastischen Rundumblick in die Umgebung.
Bis hier gehörte das Wegstück zu den attraktivsten, die ich "erleben" durfte und ich genoss das schöne Gehen.

Die Pause in Lauzerte hat statt Erholung eher das Gegenteil bewirkt. Ein wenig müde bin ich weiter gegangen. Die Füße wollten rebellieren, aber da gabs von mir keinen Pardon, auch sie müssen mit und weitergehen.
Vielleicht lag es daran, dass es wenig spektakulär, aber doch immer wieder auf und ab ging. Im Wanderführer gleicht das abgebildete Höhenprofil des heutigen Tages den spitzen Zähnen eines Sägeblattes.

Heute war ein Obsttag. So viele verschiedene Obstsorten habe ich heute am Weg genossen. Zuerst reife Brombeeren, dann eine große Hand voll Zwetschken. Vom Frühstück hatte ich eine reife Pfirsich und eine saftige Nektarine mit. Unterwegs hat dann jemand einen Stand mit saftigen Zuckermelonen und auch einem Messer bereitgestellt (für freie Spende) und später habe ich noch einen roten Apfel von einem Baum verkostet. Er war schon recht reif und hätte sicher nicht verkauft werden können, weil er Hageldellen hatte.

In einem sehr schönen Herrenhaus fand ich heute ein komfortables Zimmer, eigentlich eine Suite und hier lasse ich es mir jetzt gut gehen. Den Mehrpreis zu den Herbergsbetten nehme ich gerne in Kauf. Hier bekomme ich am Abend auch zu Essen und brauche nirgendwo hingehen. Ich wüsste zwar nicht wohin, denn sonst gibt es hier nichts.

Liebe Freunde, nach einem schönen und doch auch anstrengenden Tag, schicke ich Grüße in die Heimat - alles was östlich von mir ist, ist Heimat!
Euer Pilger Walter

Montag, 8. August 2011

Wieder am Jakobsweg

Liebe Freunde!
Das Zurückfahren nach Cahors zum JW hat genau so problemlos funktioniert, wie die Heimfahrt. Auch wenn das Flugzeug von München eine halbe Stunde Verspätung hatte, war noch ein genügend großer Zeitbuffer bis zur Zugabfahrt vorhanden. Auch die Rezeption der Jugendherberge war besetzt (was nicht immer der Fall ist) und so war das Wiedereinchecken mit dem Auslösen meines "Ho Ruck - Sack du" auch kein Problem.

Die drei Tage waren für mich eine gute Erholung und ich habe im Familienkreis und mit den Freunden bei der Geburtstagsfeier meiner Schwiegermutter meine Körperbatterien wieder aufladen können, um gestärkt den noch erheblichen Rest meines Weges erfolgreich beschreiten zu können.

Im Flugzeug nach Toulouse hatte ich eine sehr angenehme Sitznachbarin, mit der ich mich gut unterhalten konnte (besonders über den JW). Sie ist in München eine selbständige Buchlektorin, auch für Reisebücher. Sie hat sich an meinem Tagebuch interessiert gezeigt und wird es sich nach dem Urlaub ansehen und mir auch ihr Urteil abgeben, ob es für ein Buch genügend Potential hat. Das wäre sehr interessant, auch wenn ich nicht auf ein Buch hinarbeite. Jetzt am JW zählt nur der JW und ich werde meine Berichte wie bisher für Euch alle verfassen. Was danach kommt, das überlasse ich jetzt noch dem Herrgott.

Etwas wäre noch von zu Hause nachzutragen: Meine Frau meinte, ich sei ein Knochengeist, weil ich 5 bis 6Kg abgenommen habe. Dem muss ich energisch widersprechen, den um die Knochen herum gibt es noch feste Muskelpartien, ohne die ich den Weg nicht gehen könnte.
Aber dieses Knochengerüst musste sich heute Nacht, von seinem Bett in der Jugendherberge dangsalieren lassen. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Die Zimmer selbst, sind auf der Stufe einer Gefängniszelle und die Häftlinge in der modernen Justizanlage in Leoben wohnen sicher konfortabler.
Besonders arg war diesmal die Matratze und das Bett. Das Bett hatte keinen Einsatz, sondern nur fixe Stahlverstrebungen und da lag eine jahrzehntealte Federkernmatratze darauf. Alles was diese Matratze jemals konfortabel gemacht hat, war längst durchgelegen und so musste Euer Pilger Walter auch in der Nacht Buße tun, denn jede Stahlfeder spürte Euer Knochengespenst und von einem angenehmen Ruhen war keine Spur. Da gibt es das Märchen von der "Prinzessin auf der Erbse" und wer schreibt sowas vom "Pilger am Stahlgerüst"?
Ich kann Euch nur sagen, dass war eine laaange Nacht, nochdazu sind oberhalb meines Zimmers anscheinend Wohnungen und der Besitzer kam um 1:30 heim und werkte etwa zwei Stunden herum und ging immer auf und ab. Nur der Boden, der die Decke meines Zimmers war, ist ein ganz einfacher Holzboden mit entsprechendem Lärmpegel. Somit hatte die Nacht etwas von Stasimethoden - den Verdächtigen nicht schlafen lassen und ihn dann auf den ungezählten bohrenden Stahlfedern liegend, wahnsinnig werden lassen, bis er alles gesteht (zum Beispiel, warum er sich den JW antut).
Für diese Auberge de Jeunesse vergebe ich taxfrei "Drei Daumen nach unten" und warne alle Nachahmungstäter.

Mit frischem Schuhwerk, also mit "neuen" alten Bergschuhen und mit neuen orthopädischen und auf meine Füße angepassten Sporteinlagen ging es heute auf den lächerlichen "Rest" des JW mit etwa 1.200Km. Die neuen Einlagen merkt man schon, denn sie federn den Tritt wieder etwas ab und doch mussten sich meine Füße wieder an die neue Umgebung anpassen. Der Weg des heutigen Tages war fast wie eine Teststrecke für Pilger bzw. ihre Füße.
Alles was sich ein Pilger (nicht) wünscht, war heute vertreten.
Ein sehr steiler Anstieg mit Felsstiegen, Wanderwege, Geröllstrecken und Asphaltstraßen mussten bei der heutigen 32Km-Etappe begangen werden. Ein Test für den pausierenden Pilger und für sein Schuhwerk.

Testergebnis:
- Schuhwerk und Füße ok, keine zusätzlichen Erschwernisse, wie Blasen usw.
- Pilger noch nicht voll funktionsfähig. Blickfeld, Reaktion und Aufmerksamkeit sind verbesserungswürdig, damit nicht weitere Stürze auf der Tagesordnung sind.

Ihr habt richtig gelesen, heute hat es mich erwischt. Einmal nicht gut aufgepasst, weil ich beim Gehen den Führer zu Rate ziehen wollte, und ich übersehe ein etwa 10cm tiefes Loch in einer groben Asphaltstraße und Euer Pilger Walter küsst französischen Boden mit einem Kniefall ins Gestein. Es ist ausser ein paar Abschürfungen - linker Handballen, rechter Ellbogen und rechtes Knie - nicht viel passiert. Handballen und Knie besprühte ich mit einer antiseptischen Lösung und gab zum Schutz ein Pflaster darauf.
Keine Sorge, ich bin wieder ganz ok.

Der Gehttag an sich, schließt an die voran gegangenen Etappen an. Er war sehr erreignislos. Die Landschaft ist weiter durch die Kalkböden so karg, dass kaum etwas wächst oder der Boden sich als Weide eignet und so ist auch kaum eine menschliche Besiedelung zu finden. Einzig einige Sonnenblumenfelder und später dann große und weiter Sonnenblumenkulturen wachsen hier. Wenn sie noch nicht abgeblüht sind, sind sie auch eine Augenweide im trostlosen Land.

Auf den ganzen 1.600Km habe ich bis auf einen weit entfernten Rehbock und ein paar Kaninchen keine Wildtiere beobachten können. Und heute hatte ich ein tragisches Erlebnis. Nur etwas 5m neben der Straße sehe ich liegend im Gras einen Rehbock, der auch nicht flieht, als ich heran komme. Er dürfe verletzt oder sterbend gewesen sein, auch wenn man nichts erkennen konnte. Das Haupt hielt er noch hoch,aber seine Augen hielt er geschlossen. Er tat mir leid und ein Jäger hätte ihn erlösen können.

Vom Wetter wurde ich heute gut bedient. Es war bedeckt bis sonnig und es ging ein starker Wind. Gegen Mittag trieb er zwar einen kleinen Regenschauer daher, aber meine Bittmails nach oben haben doch geholfen. Gleich wieder hat es aufgehört zu Regnen und nach meiner Mittagsrast und Jause in geschützter Lage, konnte ich gleich wieder weitergehen. Nun hatte der Wind den Himmel fast freigeputzt und ohne Wettersorgen erreichte ich mein Ziel Montquc.
Heute habe ich wieder Glück bei der Quartierfrage und bekomme wieder ein gutes Privatquartier und das zentrumsnah. Interessant ist hier, dass der Ort für Engländer als Zweitwohnsitz sehr beliebt sein soll. Ich hoffe aber, dass das Essen nicht "very british", sondern bodenständig französisch ist.

Wieder kann ich einen Tag von meinem Kalenderstreifen abschneiden. Es sind nur mehr 43 Tage zu gehen und da wünsche ich mir wieder gute Gehtage, die anregend sind.

Euer Pilger Walter