Samstag, 10. September 2011

Endlos weiter Pilgerweg

Liebe Freunde!

Es ist Samstag und heute in zwei Wochen habe ich meine letzte Etappe, so Gott es will, schon hinter mich gebracht haben. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was dieser Gedanke in mir an Glücksgefühlen auslöst.

Das Weggehen heute Morgen war sehr angenehm. Der Morgen war nicht so kalt wie in den letzten Tagen und ich startete um 1/2 8 in den gerade hellwerdenden Tag. Ich war ganz allein unterwegs. Der Weg gehörte für die ersten Km ganz mir alleine. Nach Osten zurückblickend zeigte sich ein feuriger Himmel, wie ihn die später aufgehende Sonne färbte. Es war ein schönes Schauspiel.

Sie sind doch unterwegs, die Pilgerscharen! Sie sind nur wie immer sehr früh wegegangen und nach und nach kann ich sie ein- und überholen. Es ist interessant welche Beobachtungen man dabei machen kann.

Ein älteres, vermutlich französisches Paar, fällt mir auf und schon ein paarmal bin ich ihnen begegnet. Die kleine Frau geht immer hinter ihrem Mann, der den Schritt vorgibt. Nur ist er etwa 20cm größer als sie. Sie trägt einen riesigen und vollbepackten Rucksack, der hängt der Frau bis zu den Oberschenkeln hinunter und verdeckt ganz die zierliche Statur. Und er, er geht vor ihr und trägt seine Stöcke in einer Hand und in der anderen die Wasserflasche. Sonst nichts. Das ist eine nicht ganz ausgewogene Lastenverteilung.

An einem Rastplatz sitzen zwei junge Frauen und reagieren auf meinen herzlichen Gruß "Buenos Dias" und dem Wunsch "Buen Camino" in keinster Weise, da schicke ich ihnen ein kräftiges Muuuhhhh hinterher. Aber da haben sie dann überascht und blöd geschaut. Und der Pilger Walter geht innerlich lachend weiter. So bekommt jeder was ihm gebührt.

Ein Ehepaar in meinem Alter fällt mir auch schon mehrfach auf, denn jeder hat ein großes Häferl (hohe Tasse) an seinem Rucksack baumeln. Das trägt sicher nicht zur Gewichtsreduzierung bei oder wollen sie dieses "Steingut" am Crux de Ferro abladen? Dann haben sie etwas falsch verstanden.

Mit diesen Beobachtungen vergehen auch die 10Km schnurgerader Schotterpiste. Da braucht es einen starken Gehwillen, um diese Herausforderung zu bezwingen.
Bei Reliegos vereininen sich wieder die
Wegvarianten und die Pilgerschar ist wieder zur Pilgermasse angewachsen. Nun ist ein Hatschen neben der starkbefahrenen Schnellstraße angesagt, bis ich nach 25Km mein Etappenziel Puente de Villarente erreiche.
Gleich hinter der Brücke, die dem Ort auch den Namen gab, finde ich in der Auberge mit Hostal ein Zimmer. Nach dem Standard der letzten Tage, wirkt dieses Zimmer sehr einfach und renovierungsbedürftig, aber es reicht mir. Die Wäsche ist sauber und somit passt es schon.

Wenn ich so meine Bergschuhe betrachte, kommt mir vor, ich trage den ganzen Staub der Piste an meinen Schuhen herum. Sie sind über und über grau-weiß vor Staub, aber Schuhbüste habe ich nicht mit und dieses Service wird in den Quartieren nicht angeboten. Aber was würde es ändern? Nach ein paar Km würden die Schuhe wieder gleich aussehen.

Wenn ich jetzt bei meinem Fenster hinaussehe, dann hat sich der leichte Wind, wie er den ganzen Tag zu spüren war, zu einem recht starken Wind entwickelt. Ich fürchte, dass das ein Anzeichen für eine heranziehende Wetterverschlechterung ist. Das freut das Pilgerherz aber nicht.

Wieder ein Stück näher meinem Ziel, schicke ich Euch Grüße nach Hause.
Es geht mir weiterhin gut und ich bin planmäßig unterwegs. Auch die Knieschmerzen bleiben beim normalen Gehen aus und der Rest ist zum Aushalten. Ich danke Euch für die vielen lieben Kommentare. Zwei Wochen sind wir noch gemeinsam unterwegs!
Euer Pilger Walter

Freitag, 9. September 2011

Ruhetag und trotzdem rege

Hallo liebe Tagebuchfreunde!

Wer glaubt, ein Pilger Walter gibt am Ruhetag nur Ruhe, irrt. Nein, ich versuche das nachzuholen, was mir beim notwendigen Gehen am und für den JW entgeht und hier in Sahagun gelingt es mir perfekt. Es ist mein bester und schönster RT und kein bischen Langeweile kommt auf. Dabei dachte ich beim Ankommen, na so besonders ist der Ort nicht, aber dann, ausgerastet, ausgeschlafen und aufnahmefähig schaut alles anders aus.
Vorgestern, nach 38Km, bin ich ohne Stadtplan durch den Ort geirrt und habe eigentlich einen Supermarkt und ein Restaurant gesucht. Der Ort hat kein richtiges Zentrum und man muss die kleine Stadt "erleben" und das ist mir am Ruhetag gelungen.

Am Morgen und auch am NM war die wichtige Tätigkeit am RT, das Erarbeiten der nächsten Etappen nach dem jetzigen Wissensstand und das Vorbereiten der markanten Wegepunkte und der Quartiere. Das ist für die nächsten acht Tage, bis zum nächsten und letzten RT, nicht so einfach, denn es gibt einige Wegvarianten und die für mich wichtigen Quartieranforderungen. Ich glaube, mit dem neuen Plan, dürfte das Weitergehen in meinem Sinne gut verlaufen.

Am späten VM machte ich mich, gemütlich und betont langsam (Entschleunigung) und ausgerüstet mit einem Stadtplan auf Sightseeingtour und mit dem Zeithaben und einer Aufnahmebereitschaft eröffnet sich dieser Ort für mich. Die historischen Sehenswürdigkeiten, die vom durchführenden JW gar nicht so erkennbar sind, sind echt begeisternd.
Es gibt hier tolle (kirchliche) Bauwerke, die teilweise architektonisch unter maurischen Einfluss stehen. Ganz besonders beeindruckend sind die lebensgroßen Figuren und Darstellungen der Kreuzwegsstationen, die in der Prozession der "La Semana Santa" (Heilige Woche = Karwoche) von vermummten Personen durch die Stadt getragen werden. Das kennt man sonst oft aus Andalusien und auch hier würde ich das gerne miterleben. Dieses Darstellen der Kreuzwegsstationen bis hin zur Grabesruhe muss ein besonderes tiefgreifendes Erlebnis sein. Die Utensilien dafür, sind in zwei Kirchen/Museen ausgestellt. Vielleicht finden sich auf dieser Homepage nähere Details und Fotos: jnazarenosahagun.com
Beim bewusst langsamen Bummeln durch den Ort, sehe ich natürlich reichlich Pilger, die den JW beschreitend und durch die Gassen ziehend, durchmarschieren. Ich sehe mich dabei selbst, wie ich getrieben, mein Etappenziel zu erreichen und ein "Zimmerhabenwollend", vieles nicht aufnehmen kann. Aber wie schon ein paarmal erwähnt, ich bin auf Pilgereise über 2.800 extreme Kilometer und nicht auf Sightseeingtour. Die knapp vier Monate dafür, sind eben nicht länger. Es tut aber gut, Zeit zu haben und dafür bieten sich die RT an.

Für mein Mittagsmahl kaufte ich mir in einem Supermarkt eine große und frische Fertigpizza zum Aufbacken und eine ganze Bouteille guten spanischen Wein (eine kleinere Flasche gibt es nicht). Das kostet zusammen nicht einmal 4€. Die Lebenshaltungskosten, so habe ich das in Geschäften und Lokalen schon oft feststellen können, sind in Spanien viel niedriger als bei uns. Ein kleines Bier, hier immer 0,25L (= Kinderbier), kostet z.B. zwischen 1,00 und maximal 1,50€ und da bekommt man oft sogar noch kleinen Happen an Tapas dazu. Das ist umgerechnet auf ein Krügerl bei uns, ein sehr guter Preis. Und dieses Bier war auch der Abschluss meiner Besichtigungstour durch Sahagun.

So habe ich mich am RT für das Mittagessen selbstversorgt, denn im guten Quartier, der Casa Rual Arturo, gab es eine vollwertige Küche. Die Flasche Wein genieße ich zu 2/3 zur Pizza und der Rest versickerte im Laufe des NM durch die, auch am RT, durstige Pilgerkehle.
Kurz habe ich auch daran gedacht, mir für das Abendessen Schinken, Wurst, Käse und Brot zu kaufen und im Quartier zu verspeisen, aber den Gedanken habe ich dann schnell fallen lassen. In den Restaurants bekomme ich um 10€ ein gutes und sättigendes dreigängiges Abendessen inkl. Wein und Brot und für die Jause würde ich vielleicht gleich viel ausgeben. Da gehe ich lieber in ein Lokal und bin unter Leuten. So habe ich es auch gemacht.

So war das gestern für ich ein sehr schöner Ruhetag und ich wünsche mir, das positive Gefühl in den nächsten und letzten Gehtagen mitnehmen zu können.
Es stellt sich nur die Frage, was denn alles zum Wohlfühlen am RT beigetragen hat. Das erlebende Schöne des Ortes, die gute Unterkunft, das Wissen es sind "nur" mehr 15 Gehtage und etwa 365Km oder die Flasche guten spanischen Weines?
Liebe Freunde, Ihr dürft Euch Euer Bild selbst machen.
Auf gut Glück gehe ich vor dem Abendessen (20h) noch in die kleine Kirche der Benediktinerinnen, die auch eine Herberge betreiben, und komme um 19h gerade recht zur Vesper. Beim anschließenden Pilgersegen am Altar, ist mir ob des vielen Segens, Glück, Kraft und Gesundheit, vor Dankbarkeit das Häferl (wie man so sagt) übergegangen und von den Schwestern bekam ich ganz liebe Blicke der Zuwendung.
Den langen Weg von der Kirche bis zum Restaurant habe ich gebraucht, um wieder normal sehen und denken zu können. Diese tiefen Emotionen begleiten mich schon viele hundert Km oder viele Wochen - so etwa ab der Schweiz. Das ist auch ein Werk des JW.

Gut gestärkt, körperlich und seelisch, beginne ich heute den Tag. Durch die lange Etappe vorgestern, musste ich die nächsten zwei Tagesstrecken neu planen. Für heute bot sich eine Kurzetappe mit 18Km an, denn bei einem Weitergehen hätte ich heute wieder 38Km gehen müssen, um zu einem passablen Quartierangebot zu kommen. So entscheide ich mich für ein gemütliches Gehen und um 11h sitze ich in El Burgo Ranero schon bei einem Erfolgsbier nach getaner Arbeit.

Unterwegs halte ich Ausschau, aber ich finde keine Schweine am JW, nur reichlich Pilger. Also müssen sie es sein, die den Saustall entlang des Weges verursachen. Es ist erschreckend, welche Müllhalden die Pilgermassen hinterlassen. Auf der anderen Seite ist es von den Gemeinden und Verwaltungen dumm, kaum Müllsäcke aufzustellen.
Aber die Spanier halten es nicht so mit der Sauberkeit. In den Bars und Gasthäusern ist es üblich, dass an der Bar die leeren Zuckersäckchen, die Zahnstocher von den Tapas und sonstiger Müll einfach auf den Boden geworfen wird und am Tagesende wird alles hinausgekehrt. Aber es sind keine Zigarettenstummel dabei.

In diesem Zusammenhang muss ich ein Thema, welches mich in Frankreich und hier in Spanien sehr angesprochen hat, aufgreifen. Es ist das strikte Rauchverbot in den Lokalen, ob Cafe, Bar oder Restaurant. Hier wird wirklich nicht geraucht, egal um welche Zeit und sind andere Gäste anwesend oder nicht. Alle, auch der Wirt, gehen vors Lokal um zu rauchen. Dabei kann man z.B. die Franzosen sicher keinesfalls als Nichtraucher bezeichnen. Es ist Gesetz und alle halten sich daran und die vielen Lokale sind trotzdem voll. Bei uns beginnt bei der Diskussion sofort eine Weltuntergangsstimmung bei den Wirten und unsere feigen Politiker haben mit ihrer Politik und Gesetzgebung nur die nächste Wahl vor Augen. In ganz Europa funktioniert das Rauchverbot in den Lokalen, nur in Österreich ist das nicht möglich. Wir sollten uns schämen.

Ein Problem am Jakobsweg, dass der Pilgernotdurft müsste aber gelöst werden. Kaum ein Fleck hinter einem Baum, in einer Senke oder bei einem Gebäude, wird nicht als Abort verwendet. Die wiederlichen und vom Wind verstreuten Papierreste zeugen davon.
Wenn man die Pilgermassen hierher lotst, dann muss auch für die menschlichen Bedürfnisse gesorgt werden. In Frankreich gibt es nur wenige Orte, wo es kein öffentliches WC gibt.

Ich bin heute wie immer zügig unterwegs, wobei ich es bei der kurzen Etappe doch gemütlicher angehe. Da zieht auf einmal ein deutscher Pilger mit Laufschritt (sicher mehr als 6Kmh)an mir vorbei. Er schafft es sogar, dabei zu telefonieren. Respekt!

Unterwegs kommt öfters einmal Traurigkeit auf, wenn am Wegrand Kreuze oder Tafeln an einen hier verstorbenen Pilger erinnen. Es sind auch für mich mahnende Zeichen, dass unser Leben voll in Gottes Hand liegt und jeder Tag des Lebens ein Geschenk ist.

Für heute und morgen gibt es zwei Wegvarianten. Die empfohlene Alternative, die auch ich zuerst geplant hätte, führt durch einen einsamen, abgelegenen und schattenlosen Landstrich und der einzige Ort dazwischen, wäre Calzadilla de los Hermanillos gewesen.
Die im Führer abgelehnte Hauptroute sollte wegen der schnurgeraden Wegführung mit Straßenbegleitung und Autobahnnähe undiskutabel zum Gehen sein. Da hat der Schreiber des Führers maßlos übertrieben. An der begleitenden Straße fahren keine 10 Autos vorbei und die Autobahn ist mit 300m Entfernung genügend weit weg, um wirklich störend zu wirken. Dafür hat dieser Weg genügend Raststellen (inkl. Müll) und fast durchwegs wurden Laubbäume gepflanzt, die Schatten spendeten.
Aber der Ort El Burgo Ranero, den man durchquert, bietet sich mit der Entfernung und mit guten Hostals als Etappenort besser an. Dabei kommt mir der Ort vor, wie ein burgenländisches Dorf in den 60er Jahren. Hier dürfte die Zeit stehen geblieben sein, so sehen Häuser und Straßen aus.
Aber ich habe hier ein sehr schönes Zimmer bekommen und bin zufrieden mit mir und der Welt. Denn wenn ich beim Fenster hinausblicke, sehe ich gegenüber den Herbergseingang, wo sich die Pilger anstellen, um ein Bett zu bekommen. Da wird mir so richtig bewusst, wieviel Glück und Segen ich in den letzten zwei Wochen hatte, wo ich immer ein gutes Zimmer für mich fand und ich bin sehr dankbar dafür.

So grüße ich Euch alle, die Ihr Anteil nehmt, an meinem Pilgerweg.
Euer Pilger Walter

Mittwoch, 7. September 2011

Gehmaschine

Liebe Freunde!

Heute habe ich die Grenzen meiner Gehmaschine ausgelotet. Wie eine Maschine bin ich heute ungeplant, aber notwendigerweise immer weiter und weiter gegangen.
Durch das harte Stück der Meseta hatte ich eine Etappe mit etwa 26Km geplant und in dem Zielort Terradillos de los Templarios wollte ich meinen morgigen Ruhetag verbringen. Nur wie ich dort angekommen bin, sehe ich was das für ein Nest ist. Der Ort, nur mit zwei Herbergen, wobei nur eine für mich interessant ist, hat sonst keine Infrastruktur und auch sonst ist hier nur tote Hose. Hier bleibe ich nicht!
Es war noch nicht Mittag und so entschloss ich mich trotz ansteigender Sonnenbestrahlung weiter zu gehen. Zwei kleine Orte gab es noch und dann, in gut 12Km Entfernung wartete die nächste Stadt - Sahagun. Das schaffe ich auch noch. Wie erwartet waren die beiden nächsten Dörfer auch nur Nester, wo man zwar übernachten kann, aber für einen Ruhetag waren sie ungeeignet. So kam es, dass ich nach 38Km in Sahagun landete und in einer Casa Rual ein gutes und preiswertes Zimmer fand. Hier kann ich den RT auch genießen.
Aber diese Entfernung zu gehen und das unter der sengenden Sonne, hat es in sich. Ich wundere mich selbst wo ich diese Kraft und diesen Willen zum Gehen hernehme. Es ist, als ob man am Morgen eine Maschine startet und losschickt. Wie ein Uhrwerk gehen meine Beine mit Arm- und Stockunterstützung Km um Km. Die 38Km habe ich inklusive Pausen in 7,5 Stunden absolviert. Heute gab es aber auch wenig Ablenkungen durch Fotopausen und keine Kirche war zu besichtigen. Und ich muss zugeben, die letzten 12Km waren nur mehr ein mechanisches Gehen, ohne besondere Freude am Gehen. Einfach nur gehen! Es gab auch landschaftlich nicht viel Interessantes zu sehen. Der Weg führte dann großteils neben den Straßen dahin.

In diesem Zusammenhang habe ich mir Gedanken gemacht, wie die Effizienz der Wegführung in den einzelnen Ländern ist. Das heißt, wieviele Km muss ich gehen, um 100Km Luftlinie zu schaffen.
Gefühlsmäßig hätte ich gemeint, das die Wegführung in Spanien am effizientesten ist. Dass also wenige Umwege zu gehen sind und der Weg sehr direkt geführt wird. Hier ist das Ergebnis:
1.) Spanien mit Faktor 1,31 - dass heißt: für 100Km Luftlinie muss man 131Km gehen
2.) Österreich mit 1,36
3.) Schweiz mit 1,57
4.) Frankreich mit 1,59
Der Faktor über den ganzen Weg, also von Leoben nach SdC, liegt bei 1,45
Das hat auch mein Gefühl bestätigt, dass man in Frankreich viel im Zick-Zackkurs und mit Umwegen herumgeschickt wird. Das hat mir auch ein Franzose bestätigt, dass der JW oft künstlich verlängert wird, damit die Förderung der UNESCO fließt.
Bei der Schweiz muss man sagen, dass hier die Wegführung durch das gebirgige Land und die vielen Seen nicht kürzer geführt werden kann.

Die Meseta war in den ersten 8Km nicht schlimm, eher sogar angenehm. Zwar war zuerst eine Asphaltstraße zu begehen, aber dann führte der Weg über eine gute Schotterstraße, die auf der linken Seite, also der Sonnenseite, von einer Pappelallee begleitet wird.
Auf dem schnurgeraden Stück schaue ich nach vor und kann den Horizont nicht erkennen, denn die Silhouetten der vielen Pilger verdecken ihn. Fast sehe ich mehr Wanderer als Pappeln.
Erst die letzten 5Km sind wirklich baumlos. Trotzdem hat die Landschaft ihren besonderen Charme. Ich bin dann oft alleine unterwegs, denn alle die vor mir gegangen sind, gehen jetzt hinter mir. Hier kann ich dann wieder singen und laut beten.
Wer dieses Mesetastück als einsam, brutal und anstrengend bezeichnet hat, der ist nie durch Frankreich gegangen. Natürlich ist das "extreme" Stück im Hochsommer und am Nachmittag schon eine Herausforderung, aber das ist das Gehen am JW im Sommer immer.

Der gestrige NM und Abend waren für mich noch sehr nett und interessant.
Zuerst schlendere ich durch den Ort und zähle fünf Kirchen (zwei weitere sehe ich heute am Ortsausgang). Alle Kirchen werden am NM aufgesperrt und bis auf eine, die als Museum geführt wird und wo beim Besuch ein Obolus verlangt wird, kann ich alle besuchen. Ich meine, dass hat dann auch gereicht.

In der gestrigen Klosterherberge höre ich im Hof deutsche Worte und gebe mich auch zu erkennen. Drei jüngere Deutsche, Martina aus Bad Reichenhall und Tunja und Simone aus Norddeutschland, gehören zum angenehmen und netten Schlag unserer Nachbarn. Sie halten auf der Bank ihr Abendmahl und beim Plaudern werde ich auf ein Glas Wein und etwas Käse eingeladen. Es ist ein fröhliches Diskutieren über alles am JW, auch über die "Vorurteile" den Deutschen gegenüber.
Schnell vergeht die Zeit und auf der Nebenbank versammeln sich weitere vier ältere deutsche Pilger.
Ein bestimmendes Thema ist die große Fußblase, die Simone hat. Die beiden älteren Frauen haben auch kleine Blasen und können bzw. trauen sich nicht, sie aufzustechen. So bitten sie mich, es zu tun. Ausgerüstet mit Nadel und antiseptischer Lösung beginne ich meine Ordination. Danach bekommen sie noch praktische Tipps von mir und eine Honorarrechnung stellte ich nicht aus, dass ist Pilgerdienst.
Nach meinem Abendessen im Restaurant gibt es mit diesen Mitpilgerinnen noch einen fröhlichen Schlummertrunk.

Sollte bei meinen Berichten zwischen meinen Zeilen der Eindruck entstanden sein, ich freue mich auf SdC, dann kann ich das nur mir einem großem JA beanworten. So wie ich mich zuerst freute, GEHEN zu können so freue ich mich jetzt nach so vielen Wochen, endlich mein Ziel zu erreichen. Und ich freue mich auch schon auf das Heimkommen.

Nun ist auch Hälfte des spanischen Weges von mir beschritten worden und es bleiben keine 400Km mehr. Aber bevor ich wieder über die Piste marschiere, mache ich morgen wieder einen Geh- und Schreibruhetag
Euer Pilger Walter

Dienstag, 6. September 2011

I am from Austria

Liebe Freunde in Österreich und wo Ihr überall meine Berichte lest!

Heute war ein Tag der Begegnungen.
Wie immer wenn ich am Weg eine flüchtige oder eine tiefere Begegung habe, stelle ich mich stolz als Österreicher vor, denn das ist meine Heimat und von dort komme ich auch zu Fuß her. Direkt von meiner Jakobikirche gehe ich zur größten Jakobskirche.
In den Gastländern erkläre ich mich als Österreicher auch zum Schutz, damit ich nicht als Deutscher eingestuft werde. Es tut mir zwar Leid das sagen zu müssen, aber einige unserer bundesdeutschen Brüder haben ein Auftreten, dass dann nicht immer gut ankommt. Einige negative Beispiele sind mir selbst schon untergekommen, auch wenn ich davon nicht immer schreibe. Ich meine da zum Beispiel, die vier jungen rüpelhaften Deutschen von der Herberge in Cizur Menor, die leider immer wieder meinen Weg kreuzen und blöde Bemerkungen machen. Ich ignoriere sie. Oder in die Herberge in Ages kommt ein älterer Deutscher ohne Gruß in die Bar und frägt im alemanischen Befehlston: "Haben sie ein Zimmer frei?", also ohne höfliches Grüßen oder ein bischen respektvolles Eingehen auf die Sprache der Gastnation. Dass ihnen die schönen Doppelzimmer dann zu teuer waren, ist nur ein Nebenaspekt. Und von diesen Vorkommnissen könnte ich einige berichten, aber im Normalfall will ich solche negativen Erlebnisse nicht erwähnen und meinen JW dadurch nicht schlecht machen.
Mir tut es leid, für die vielen lieben Menschen aus Deutschland, die ich am JW kennen gelernt habe, die dann vielleicht unter diesen Einschätzungen zu leiden haben.
Warum ich heute darüber schreibe, wird im Laufe des Berichtes klar werden.
An dieser Stelle grüße ich ganz besonders meine Teilzeitweggefährtin Martina aus Frankfurt a.d.O. Ich danke Dir auch für das virtuelle Mitgehen und die vielen aufbauenden Kommentare.

Heute hatte ich einen gemütlichen Gehtag vor mir, als ich nach einem tiefen und festen Schlaf im Hotel von Fromista weggehe und zu einer Bar zum Frühstücken marschiere. Die 6Km mehr, die ich gestern gegangen bin, bringen mir heute einen kurzen Weg, denn weiterzugehen, in das klassische Teilstück der Meseta, ist nicht sinnvoll.

Auf dem Weg kassiere ich zwei typische und humorvolle Einschätzungen über uns Österreicher. Beim Frühstück treffe ich zuerst zwei Kölnerinnen, die ganz baff sind, dass man so weit gehen kann. Sie selbst haben schon massive Probleme und werden in Leon abbrechen. Vielleicht schaffen sie es aber doch weiterzugehen. Unterwegs hole ich sie ein und nach ein paar heiteren Worten ziehe ich weiter. Ihre Einschätzung hinter meinem Rücken war aber noch für mich bestimmt. Sie meinten, das ist klar, dass er so geht, er ist eine typisch österreichische Bergziege. Ich sehe das als Lob :-)
Nicht viel weiter spreche ich ein älteres Ehepaar an, weil ich fast deutsche Worte höre. Es sind zwei Dänen und ein paar Worte wechseln wir auch. Beim Weitergehen "versucht" der Mann, mir hinterher zu jodeln. Mein fröhliches Holodriooo als Antwort kam vom Herzen und war um einiges lauter.

In Poblacion de Campos habe ich Glück und die Kirche ist für einen Besuch offen. Es sitzt zur frühen Morgenstunde schon jemand da und stempelt die Credencial ab. Nach dem stillen Gebet fühle ich mich gleich freier und erst so richtig am Jakobsweg, wo ich schon seit über drei Monaten zu Hause bin.
Erschreckend ist, dass die große Masse an "Pilgern" auch an den offenen Kirchen einfach vorbei geht und wenn sich einige hinein verirren, dann nur um zu fotografieren. Soviel zu der Massenpsychose Jakobsweg. Das hat mit Pilgern nichts mehr zu tun.
Ich verzichte lieber auf Fotos von den Kircheninneren, wenn man fürs Betreten der Kirche zahlen muss. So wie gestern in Fromista, deren schönes romanische Kircheninnere, ich nur vom Eingang aus gesehen habe. Aber auch die für Fromista typische Aussenfassade bietet wunderbare Blick- und Fotomotive.

Auf der sogenannten Pilgerautobahn,
weil der Weg gerade und neben der Straße geführt wird, habe ich ein heimatliches Erlebnis und eine Bekanntschaft. Ich sehe schon eine Weile vor mir eine Frau im flotten Schritt gehen und denke mir, die ist sicher geh- und bergerfahren. Und wie,es ist Ina aus Graz, ein Alpenvereinsmitglied. Das ist für mich heimatferner Pilger ein schönes Geschenk, jemanden aus der Heimat zu treffen. Wir gehen einige Kilometer miteinander und merken im wechselhaften Plaudern gar nicht, wie die KM verfliegen und wie steinig der Weg ist. Ina ist schon im Vorjahr einiges des JW gegangen und will nun, den ganzen spanischen Weg gehen, auch für ihren Mann, der verstorben ist.
Auch sie beklagt den Massentourismus am Weg und dass heuer die Menschen viel unfreundlicher und gehetzter unterwegs sind. Besonders haben sie einige negative Begegnungen mit deutschen Pilgern entsetzt. Deren Auftreten waren oft sogar beleidigend.
Vor Villalcazar de Sirga trennen wir uns, um wieder alleine weiter zu gehen und ich wollte in dem Ort eine Jausenpause einlegen.

Die Kirche von Villalcazar aus dem 13. Jhd. wird wegen ihres Übergangs von der Romanik zur Gotik als sehenswert beschrieben. Sie ist leider total eingerüstet und war versperrt. Doch als ich mit meiner Jause fertig bin, wurde gerade aufgesperrt und ich wollte auch in dieser Kirche beten. Nur hier herrscht die gleiche Unart, man mus für den Kirchenbesuch zahlen. Nach einem Foto von dem reichgeschmückten Torbogen, gehe ich einfach weiter und bete unterm freien Himmel, das ist die schönste Kirche.

Noch vor 12h treffe ich in meinem heutigen Etappenort Carrion de los Condes ein und finde im Klarissinenkloster, das auch eine Herberge und eine Pension betreibt, ein einfaches, aber nettes Zimmer mit Bad und WC um 21€.
Da bin ich glücklich darüber, in diesem Kraftort gut nächtigen zu können. Die Kirche "gehört" beim Besuch ganz mir und ich kann dort das "Vater unser" für mich allein singen.

Morgen steht das härteste Teilstück der Meseta am Programm. Auf 18Km kein Baum, kein Ort - nichts! Nur eine Ebene und gerade führt der Weg da durch. Eigentlich freue ich mich schon darauf, denn was ich bisher von der Landschaft der Meseta gesehen habe, das war schön.
Durch die Wahl des Etappenortes kann ich die Meseta in den Morgen- und Vormittagsstunden durchschreiten, das macht die Belastung durch die Sonneneinstrahlung sicher etwas leichter und vor Regen muss ich anscheinend auch keine Angst haben.
Ich muss auch sagen, mit dem Wetter habe ich bisher großes Glück (Danke Hl. Jakobus), es herrscht ein schönes herbstliches Wetter. Die Hitze ist hier nicht mehr stark zu spüren und ich bin auch bald nach Mittag immer schon am Tagesziel.

Nach einer gemütlichen Rast für meine Füße und einer genüsslichen Siesta habe ich den heutigen Bericht fertig und ich werde nun den Ort erkunden. Für das Abendessen suche ich noch ein gutes und preiswertes Restaurant und für morgen früh, eine Bar, wo ich ein Frühstück bekomme.

Euch alle grüße ich vom Jakobsweg und ich freue mich schon, wenn ich viele von Euch wieder treffen werde.
Euer Pilger Walter

Montag, 5. September 2011

Wieder ein Tag naeher am Ziel

Liebe Freunde!

Drei Weckdienste gab es in Hontanas, damit ja kein Pilger verschläft. Begonnen haben die Gänse kurz vor 6h, dann ließ die Kirchturmuhr ihre sechs Schläge hören und etwas verspätet krähten sich die Hähne heiser.
Dabei wäre das nicht notwendig, denn die Masse der Pilger wartet anscheinend ab Mitternacht, um wieder loszuziehen (siehe hinten).
Um 6h stehe ich wie gewohnt auf und ohne Hektik mache ich mich fertig und gehe in die nächste Bar um dort ein karges Frühstück zu bekommen. Um 7h bin auch ich reise- oder gehbereit. Es ist eigentlich noch immer zu früh, denn es braucht noch eine Viertelstunde bis das Tageslicht einigermaßen gehmäßig ist.

Wo sind heute all die Pilger? Nur wenige sind es, die man heute morgen trifft. Hat sie das unbekannte Pilgermonster verschluckt?
Nein, sie sind doch alle noch da. Nach 4Km sehe ich ganze Horden von Pilgern vor mir gehen. Die müssen alle noch in stockfinsterer Nacht weggegangen sein. Eines ist gewiss in der Menschheitsgeschichte, die Dummheit stirbt nie aus.

Nach einigen KM bin ich an der mir schon bekannten Klosterruine San Anton vorbei gekommen. Der Weg führt durch die heute noch beeindruckenden Ruinen und man sieht auch noch die Lucken, bei denen die Pestkranken früher ihr Essen bekamen.
Von hier kann man schon Castrojeriz erkennen, aber es braucht noch einige KM des Gehens, bis man durch die Pappelallee entlang der Straße den Ort betreten kann. Der Durchgang durch den Ort könnte im Führer als eigene Etappe beschrieben sein, so langgezogen liegt der Ort rund um einen Hügel auf dem eine Burgruine thront. Die drei Kirchen des Ortes, sind schön aufgeteilt entlang des Weges durch den Ort und geben im wunderbaren Morgenlicht prachtvolle Fotomotive ab. Nur leider sind sie alle geschlossen.

Ein steiler Anstieg mit durchschnittlich 12% führt auf einen weithin sichtbaren Tafelberg, von dem man eine tolle Sicht zurück hat und dann am Ende des Plateaus, nach vor in die schöne Landschaft der Meseta. Der Abstieg war mit 18% auch nicht ohne. Hier hat man vorsorglich den Weg betoniert.

Vor Itero de la Vega liegt am Weg die kleine Kirche San Nicolas, die von einer italienischen Jakobsbruderschaft betreut wird. In dieser Kirche gibt es auch eine kleine Pilgerherberge. Im Chorraum ist der Gottesdienstraum und dann sind die Tische und im hinteren Bereich der Kirche sind 5 oder 6 Stockbetten. Freiwillige Helfer betreuen die Herberge. Es ist ein ganz besonderer Punkt am JW.

Die Landschaft spricht mich sehr an. Sie hat trotz abgeernteter Getreidefelder einen lieblichen Reiz und jetzt gibt es durch ständige Bewässerung auch grüne Felder mit Rüben und anderen Feldfrüchten.
Nur der Weg zwischen Itereo und Boadilla del Camino ist zum Vergessen. Durch grobe feste und lose faustgroße runde Steine ist es hier saumäßig zum Gehen. Es ist oft mehr ein Stolpern und prompt spüre ich mein Knie wieder mehr. So war ich froh, den Etappenort zu erreichen. Aber, wie befürchtet, war in der interessanten Herberge mit Zimmerangebot, nichts mehr frei. In diese oder in eine andere Herberge mit Schlafsälen wollte ich nicht. Somit war ich gezwungen die 6Km bis Fromista weiter zu gehen. Leider war auf den ersten Km der Weg wieder so schlecht und erst entlang des kastilischen Bewässerungskanals wurde es wieder ein gutes Gehen.
In Fromista war das Zimmersuchen nicht so einfach, weil wenig gute Hinweise mich führten. So kam ich bis zur berühmten romanischen Kirche und gleich nebenan gibt es das schöne Hotel San Martin. Hier nehme ich mir ein "Luxuszimmer" um 38€. Es ist sicher das schönste, modernste und großzügigste Zimmer, in welchen ich logiere. Allein das Badezimmer ist größer als manche meiner Hotelzimmer. Wenn ich da an die winzige Bruchbude in Merlingen (SZ) denke, da habe ich um die Hälfte mehr bezahlt und das ohne Bad und WC.
In die übergroße Duschkabine hat man für müde Pilger sogar eine Sitzgelegenheit montiert.

So habe ich wieder, wichtig für mich, ein ruhiges Zimmer und kann mich hier von den 33,5Km ausruhen und für den morgigen Tag Kraft schöpfen. Aber die Kirche von Fromista muss ich mir noch ansehen. Ich hoffe, sie wird noch aufgesperrt.

Das war der Bericht von 17. Gehtag vor dem Ziel und ich grüße Euch alle und danke auch für die vielen und aufbauenden Kommentare.
Euer Pilger Walter, dem das Knie derzeit zum Glück keine größeren Probleme bereitet.

Pilger mit Fluegerl

Für Euch liebe Freunde, hier mein Bericht vom Sonntag 4.9.

Burgos ist eine große Stadt mit 163.000 Einwohnern und die Hälfte davon muss am Nachmittag und am Abend in der Altstadt gewesen sein. Es ist für uns unvorstellbar, wie hier am frühen NM die Bars nach dem Shopping frequentiert sind und das normale Treiben am Abend ist bei uns höchstens mit einem Stadtfest vergleichbar. Wobei die ganze Familie festlich gekleidet ausgeht und durch die Stadt bummelt. Es ist ein wunderbares Treiben.
Am NM habe ich einen Stadtrundgang gemacht und die üblichen Sehenswürdigkeiten besichtigt. Das Innerste der Kathetrale habe ich wieder ausgelassen, weil da Eintritt zu zahlen gewesen wäre. Aber auch von den Teilen, die man frei besuchen kann, bekommt man einen guten Einblick über die Mächtigkeit der Kirche, die durch ihre vielen Einbauten fast verbaut wirkt. Rund um die Kirche haben einige Bräute mit ihren Schleppen beim Fotoshooting die Straßen geputzt, wo vorher von den Hochzeitsgästen überschwänglich massenhaft Konfettis, Blumenblüten und Reiskörner verstreut wurden.
Ich bin auch zur Burg hinauf spaziert, um einen Blick von oben auf die Stadt und die Kirche zu haben.
Am frühen Abend bin ich dann nochmals in die Stadt gegangen (da macht sich ein Quartier nahe dem Zentrum bezahlt) um mir ein Restaurant mit gutem und preiswertem Menü zu suchen. Fast nehme ich schon auf halben Weg zur Kathetrale ein Angebot eines Wirtes an, doch dann bummle ich doch noch weiter. Und von da an habe ich eine Glückssträhne.
Zuerst komme ich bei einem tiefen Seiteneingang der Kathetrale vorbei. Es ist offen und ich versuche hier mein Glück in die Kathetrale zu kommen. In den Nebenräumen des Kreuzganges ist gerade eine Ausstellung mit moderner Kunst eröffnet worden und das interessiert mich. Zugleich kann man aber auch in das Innere des wunderschönen Kreuzganges gehen und das kostenlos. Das freut mich.
Danach suche ich mir ein Restaurant und gleich neben der Kathetrale wird ein Pilgermenü um 10€ angeboten und das Essen gibt es auch vor 7h und ich brauche nicht auf die sonst üblichen Essenszeiten zu warten. Ich übersetze mir die Speisen die zur Auswahl stehen und hier gibt es etwas Neues für mich. Zur Vorspeise bestelle ich mir, die hier typische gebratene Blutwurst und ich bin begeistert, wie lecker und gut gewürzt sie schmeckt. Zur Hauptspeise, und das ist der Hit, nehme ich eine Forelle nach Art Navarra. Es ist eine ganze gebratene Forelle, die mit luftgetrocknetem Schinken umwickelt ist - Hmmm. Die in Spanien üblichen Pommes sind zwar ein Stilbruch, aber das tat dem Schmausen keinen Abbruch. Zur Nachspeise gab es noch den klassischen Pudding mit Caramelsauce. Ein Viertel Rotwein und Brot gehörten auch zum Menü, dass den hungrigen Pilger satt und zufrieden machte.
Wie ich da auf dem Platz beim Essen sitze, kämpft sich endlich die Sonne durch und ich stehe gleich nach dem Zahlen auf, denn diesen Lichteinfall darf ich nicht versäumen. So kann ich noch Fotos mit bestem Licht von der tollen Westfassade der Kathetrale machen - Glück Nr. 3.
Da sehe ich auch, dass die Seitentüren der Kirche offen sind und ich gehe hinein und komme bei der schönen Seitenkapelle, die jeder Stadt als große Kirche Ehre machen würde, zu der Samstagabendmesse zurecht. Das hat Jakobus, der von ganz oben am Altar als Maurenbekämpfer trohnt, sehr gut gemacht.
Zum Abschluss schlendere ich noch durch die Gassen und lasse mich vom dichten Treiben mitziehen. In der Bar- und Restaurantgasse finde ich noch ein wohlfeiles Angebot. Ein kleines Bier um 1€ lasse ich mir noch als Abschluss des Abends schmecken und proste Jakobus für den gelungenen Abend zu.
Dann gehe ich doch ins Hotel, denn ich bin schon zu lange auf den Beinen und heute wartete ein langer Gehtag auf uns.

Am Morgen, beim Weggehen um 7h, sieht man die Reste des ganz normalen Wochenendfeierns auf den Sraßen. Für den Müll braucht es Legionen von Straßenreinigern. Die Bars schließen gerade und die letzten Menschen suchen sich ihren Weg nach Hause.

Beim Stadtausgang steht der Bürgermeister von Burgos und überreicht mir eine Ehrenplakette für den 500. Pilger der heute schon die Stadt verläßt. So kommt es mir jedenfalls vor. Es ist ein Wahnsinn was sich hier und heute tut. Heute am Sonntag müssen Massen an Spaniern in Burgos den Weg begonnen haben und je näher man SdC kommt wird das noch schlimmer.

Unzählige Radffahrer fordern freien Weg, damit sie ungebremst vorbeifahren können. Immer wieder werden dabei von ihren Rädern Steine weggezwickt, die dann richtige Geschoße werden. Ein Stein hätte mich fast getroffen.

Nach dem Dorf Rabe de las Calcadas beginnt landschaftlich gesehen die Meseta. Das Wort Meseta leitet sich von "mesa" ab, was Tisch, Platte oder Ebene bedeutet. Es ist eine hochgelegene und weitgehend baum- und strauchlose Landschaft. Jetzt am Beginn sind noch ringsum abgeerntete Gedreidefelder zu sehen und es eine reizvolle Gegend die auch hügelig ist und die Dörfer liegen versteckt in den Senken. In ein paar Tagen wartet dann der berüchtigte Teil der Meseta.

Heute hat mir Jakobus Flügel verliehen, so fliege ich geradezu über die Strecke. So stark war ich schon lange nicht unterwegs. Die 30,5Km bin ich inklusive Pausen in 6:10 Stunden gegangen. Zum Lohn ist die heutige Etappe um 2Km kürzer als im Führer beschrieben. Das schnelle Gehen kommt einfach von selbst und auch daher, dass auch immer wer vor einem geht und das beflügelt. Es gab fast keinen Streckenabschnitt, wo nicht 100m vorne und hinten andere Pilger unterwegs waren. Es ist unvorstellbar, welche Massen hier unterwegs sind.

Ihr werdet Euch vielleicht fragen, wie geht es meinem Knie? Unterschiedlich! Auf ebenen Wegen spüre ich den Schmerz kaum und ich schaffe es, nicht daran zu denken. Die Kniestütze hilft dabei, den Fuß gerade zu halten. Aber auf schlechten Wegen, abwärts und nach der Essenspause, ist der Schmerz deutlich zu spüren. Aber das war heute nicht oft der Fall. Vielleicht haben da wirklich Flügerl oder die stützende Hand von Jakobus geholfen. Danke lieber Jakobus.

In meinem Etappenort Hontanas, finde in einer Casa Rual ein wunderbares Zimmer um 30€ mit allem Konfort, sogar mit TV.
Hier bekomme ich am Abend auch das Essen.

So bin ich heute mit mir und dem Tag sehr zufrieden. Inzwischen bin ich schon 2.300Km gegangen und "nur" mehr knapp über 450Km warten auf mich.
Seid alle zu Hause, oder wo auch immer Ihr meine Berichte lest, von mir gegrüßt.
Euer Pilger Walter
PS: Klaus: Gratuliere zu Deiner Laufleistung. Ich glaube, da waren wir heute beide rekordverdächtig.

Samstag, 3. September 2011

Es geht, wenn man geht

Hallo liebe Freunde,
mit diesem Spruch und meinem eigenen Pilgerlied "Geh nur geh, müder Pilger, geh nur geh, ..." habe ich mich heute wieder auf Vordermann gebracht. Es gibt kein Müdesein, vielleicht bin ich nicht mehr so frisch wie am Beginn, aber nun heißt es durchkämpfen und so bin ich es heute wieder angegangen. Und ich bin wieder (fast) so stark drauf, dass die geplanten 24Km nur 21 geworden sind. Da hat der Pilger Walter Flügerl bekommen und die sollen besonders praktisch sein, bei schmerzenden Beinen.
Das Gehen war heute wieder leichter und der Knieschmerz zuerst nicht merkbar, aber dann bei einem falschen Schritt doch einige Zeit spürbar.
Bei der ersten Apotheke in Burgos habe ich mir eine stabile Kniestütze gekauft, nur ob die etwas hilft, werden wir morgen sehen. Der Rat mit einer Pause wird auch nichts bringen, denn auch am letzten Ruhetag, vor 4 Tagen, blieb der Schmerz gleich stark.
Aber es wird schon gehen, sonst kann ich immer noch meinen Freund Jakobus bitten, dass er mich ein wenig trägt. Er hilft mir sonst auch immer, wenn ich ihn brauche, so wie bei der Zimmersuche - Danke lieber Jakobus.

Die vergangene Nacht in der Herberge in Ages, mit den oben offenen Wänden, sonst käme in diese Kemenate gar keine Luft hinein (kein Fenster!), war trotzdem sehr angenehm. Es gab keine Geräusche die einen Pilgerschlaf beeinträchtigt haben. Doch halt, irgendwann des Nächtens hörte ich von draussen, dass es stark regnete. Da bin ich sogar dankbar dafür, denn ich bete täglich, wenn das Wetter wechselhaft wird, zu den Himmelsmächten, dass es am JW erst in der Nacht regnen möge, damit alle Pilger trocken zu ihrem Quartier kommen können - und so war es dann auch.
Am Morgen und am Vormittag war es dann tief grau und leichter Nieselregen beeinträchtigte das Gehen kaum. Es hieß halt ein paar Km mit Regenjacke gehen, dann wieder ohne usw.
So war heute ein kühler Gehtag, was auch recht angenehm war. Zu Mittag hatte es in Burgos nur 16°.

Eigenartig ist, dass kaum Gäste/Pilger am Morgen frühstücken. Von den etwa 10 Gästen der gestrigen Herberge, war ich der einzige, der frühstückte. Dabei sind es nicht nur Spanier, die ohne morgentliche Stärkung in die Finsternis losstürmen.

Durch den Regen ist das eingetreten, was ich schon befürchtet habe. Der zentimeterdicke Staub am Weg, wurde nun zum Schlamm und die steinigen Wege wurden sehr glitschig.
Nach dem Ort Atapuerca, der bekannt ist, als Ort der ersten Europäer und man könnte Ausflüge zu den Höhlen machen, ging es steil, steinig und felsig nach oben. Das war durch die glitschigen Steine ein sehr gefährliches Gehen.
Diese Anhöhe hinauf begleitet mich linker Hand ein mehrzeiliger Stacheldrahtverhau. Sind hier die Schafe oder Rinder so ausbruchswütig oder werden hier tierische Schwerverbrecher gefangen gehalten? Gibt es hier vielleicht völkerrechtliche Verfeindungen, dass die Gebietsgrenzen so massiv abgeblockt werden? Nein, es ist ein militärisches Sperrgebiet, wie eine Tafel später verkündet.
Auf dem flachen Plateau dieses Berges (1.081m) haben Pilger aus Steinen eine 20-30m große Spirale bzw. einen Irrgarten ausgelegt. Diesen Irrgarten habe ich aber nicht beschritten, denn ich habe auf meinem JW genügend Irrwege gehen müssen, jetzt ist eine effiziente Wegführung gewünscht.
Gleich darauf flüchten zwei Hirschkühe vor mir und springen mit einem großen Satz elegant über den massiven Stacheldrahtverhau. Dort scheint es ihnen sicherer zu sein. Schießen die spanischen Militärs so schlecht?
Der steile und steinige Abstieg von dieser Anhöhe war durch die glatten Steine sehr schwierig. Zum Glück konnte ich meine Stöcke zum Abstützen einsetzen. Und trotzdem bin ein paarmal stark gefährdet zu fallen. Zum Glück trainiere ich zu Hause oft mit der Balanceplatte und so kann ich mit wilden Verrenkungen, die einem Discotanz alle Ehre gemacht hätten, einen Sturz vermeiden.

Über die zweite Hälfte des heutigen Gehtages gibt es nicht viel zu berichten. Vor Burgos ist die Wegführung, durch die Errichtung des neuen Flughafens, recht unklar und auch die Führer sind sich nicht einig. Die alte Wegführung gibt es nicht mehr und eine halbwegs vernünftige Alternativroute wird bei der Weggabelung nicht angezeigt und diese Wegführung soll laut Führer nicht gut markiert sein. So entschließe ich mich, den offiziellen Weg zu gehen und komme damit leider auch nicht beim Kloster Miraflores vorbei. Der Weg führt zuerst auf Asphaltstraßen rund um den Flugplatz herum und man kommt bei Villafria in das Industriegebiet von Burgos. Von hier geht man 10Km auf geplasterten Gesteigen immer an der Straße entlang nach Burgos hinein. Erst im Inneren von Burgos wird das Gehen wieder attraktiver.
In Belorado habe ich mir schon einen Stadtplan und ein Hotelverzeichnis besorgt und die "attraktiven" Hotels markiert, die am Weg, nahe der Innenstadt und preisgünstig sind. Gleich bei meinem ersten Versuch klappt es auch mit dem Zimmer. Ich habe auch vorher ein Stoßgebet zum Jakobus geschickt. Mit 43€, nur für das Zimmer, ist es nicht billig, aber in der Lage gibt es sonst nichts. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Jetzt gönne ich mir noch einen Stadtrundgang und verzichte auf eine längere Ruhepause.
Euer Pilger Walter