Mittwoch, 21. September 2011

Kampf- und Krampftag

Liebe Freunde,
ihr lest die Überschrift richtig. Es war heute ein Kampf- und ein Krampftag für mich. Wie und was das war, das könnt Ihr in meinem Bericht nachlesen, wenn Ihr daran interessiert seid. Sonst könnt Ihr den Bericht einfach schließen und etwas Sinnvolles tun :-)

Weil ich in meinem Quartier erst um 8h ein Frühstück bekomme, verzögert sich heute mein Abmarsch in den schon hellen Tag. Das wäre kein Problem, den die geplanten 30Km schaffe ich auch so. Aber in meinem Zielort Airexe gibt es nur ein Hostal mit Zimmern und ich fürchtete ein Ausgebuchtsein. Aber ich vertraue auch dem Hl. Jakobus, der mich bei der Quartiersuche immer so toll unterstützt.
Vom Wetter war es heute ein drückender Tag. Es herrschte dichter Nebel. Diese Nebelwand war schon gestern von den Höhen aus zu sehen und heute tauchte ich in diese ein. Erst ab dem Nachmittag kämpfte sich die Sonne durch, ohne dass deswegen ein ganz schöner Tag wurde.

Der Weg führte heute durch dunkle und alte Pfade. Die Eichen beiderseitig des Weges ließen nur einen kleinen Korridor frei und schluckten fast alles Licht. An beiden Seiten des Weges begrenzten kunstvoll aufgeschichtete Steinmauern die Weiden. Der Weg selbst war durch die vielen Felsensteine ein typisch alter Pilgerweg. Es war eine mystische Stimmung, dass man sich in alte Pilgerzeiten versetzt fühlte. Dieses Bild verstärkten die wenigen Häuseransammlungen mit ihren alten Steinmauern. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein und man erwartet bei jedem Haus, dass man beschossen wird, denn in jedem der alten Häuser waren Schlitze und Öffnungen zu sehen, wie sie in Wehrbauten zu finden sind.
Nicht zum Bild passte dann ein Mini-Crux-de-Ferro, wo auf einen Steinhaufen eine Art Puppe entstanden ist, der alles nur erdenkliche umgehängt wurde, bis hin zur Damenunterwäsche. Es ist irre welche Auswüchse am JW blühen. Es gibt keinen Km-Stein, keine Tafel, kein Verkehrszeichen oder gelben Richtungspfeil, die nicht durch irgendwelche Schmierereien und Verewigungen "verziert" wurde. Dazu kommen noch die Malereien auf der Straßen und ich möchte gerne wissen, wieviele Liebesbezeugungen den JW überdauert haben.

Bin ich überhaupt am JW? Diese Frage war heute berechtigt. Nach 8Km Gehen habe ich erst 3 Pilger getroffen. Ist das ein Geschenk zum Abschluss? Durch die einsame Gegend hat sich der Pilgerstrom verlagert. Viele haben schon in Sarria Station gemacht und andere sind nach Portomarin weiter gegangen. Somit war auf meinem erstern Streckenabschnitt kaum Pilgerverkehr. Ich habe das genossen.

Die Erde ist in Galicien sehr karg und nun überwiegt hier die Viehwirtschaft und hauptsächlich sind es Rinder, die hier weiden, gut eingeschlossen in den Weidenflecken, die mit aufgeschichteten Steinmauern begrenzt sind.
Auf den Äckern wachsen für den Eigengebrauch, Kartoffel, Rüben, Paprika und die Kohlstauden. Das muss ich näher erklären. Es ist dies eine andere Kohlart, die in die Höhe wächst und 2m Höhe erreichen kann. Es werden die großen Blätte von unten weg geerntet und für die typische galicische Suppe oder Eintopf "Caldo Gallego" mit Kartoffel und Bohnen verwendet. Die Suppe schmeckt übrigens sehr gut.

Durch Galicien geht es laufend hinauf oder hinunter. An ebene Strecken kann ich mich nicht erinnern. Das macht das Gehen auch für einen erfahrenen Gehpilger anstrengend. Die Spanier machen es sich leicht. Nur die wenigsten gehen mit vollem Gepäck. Viele, auch Radpilger, sind mit gar nichts unterwegs. Das Gepäck wird mit Begleitfahrzeugen oder durch Transportdienste weitergeschickt. Auch die Taxis haben hier Hochsaison. Sie fahren im Pendeldienst Gehunwillige zum nächsten Quartier weiter, aber nicht ohne 2-3mal unterwegs stehen zu bleiben, um einen Stempel in den Pilgerpass zu bekommen. Sie alle, wenn nur die erforderliche Stempelanzahl vorhanden ist, bekommen die Compostela. Sollten einem weitgereisten Pilger auf den letzten 100Km ein notwendiger Stempel (2 pro Tag) fehlen, wird dem die Urkunde verweigert. Das ist ein bodenloser Blödsinn und entwertet die Urkunde und das Pilgern.

Der Ort Portomarin ist bemerkenswert. Er wurde in den 60er Jahren auf höher gelegener Lage neu aufgebaut, weil der alte Ort im Stausee des Flusses Mino versank. Die historischen Bauten, so auch die mächtige romanische Wehrkirche, wurden Stein für Stein abgetragen und an neuer Stelle wieder aufgebaut. Derzeit, aber anscheinend schon länger, ist der Stausee ausgelassen und man sieht noch einige Ruinen im Flussbett. Kurios schaut dabei die alte niedrige Brücke aus, die normal vom Wasser überschwemmt ist, und nebenan steht die "neue" Brücke mit sicher mehr als 50m Höhe.

Und weiter ging das Auf und Ab und wieder ging es durch einsame Gegenden und die Füße wurden schwer. Was ist los Pilger Walter? Schwächelst du?
Ja! Irgendwie fühlte ich mich müde und die Füße waren schwer. Das Gehen wurde zum Krampf und ich versuchte mich mit allen Mitteln zu motivieren, aber der PGV ging nicht richtig rund. War es das Grau des Nebels, dass die Motivation drückte oder habe ich innerlich schon zurückgeschalten? Trotzdem kämpfte ich mich durch und endlich kam nach 20Km Gehen, ein Ort mit einer Bar und ich konnte mich stärken. Ein Bocadillo de jamon serrano y queso und ein Cerveza gaben wieder Kraft und die kurze Ruhepause haben den Pilger Walter wieder wie neu gemacht. Nun war der PGV wieder fahrplanmäßig unterwegs und er war auch für ein Kräftespäßchen aufgelegt.

Bald nach der Bar führte der Weg über eine gut ansteigende Asphaltstraße und das etwa 500m gerade aus. Hundert Meter vor mir kämpfte sich ein spanischer Radpilger nach oben und ich merke, ich komme ihm näher! Na gut, jetzt will ich es wissen. Ich werfe den Fehdehandschuh und das Duell Radpilger gegen Gehpilger kann beginnen. Der Radpilger darf seinen Vorsprung behalten und der Hl. Jakobus gab das Startzeichen: Santiago, fertig, los!
Vorne der mit der Steigung kämpfende Radpilger im wackelnden Strampeln und von hinten kommend, im festen Pilgerschritt, der Pilger Walter, der langsam aber sicher Schritt für Schritt aufholte. Der Abstand hat sich auf 20m verringert und der Pilger Walter sah die Chance noch vor Ende der Steigung in Führung zu gehen. Jetzt ging der PGV mit Höchstgeschwindigkeit. 10m Abstand: Der Radpilger hörte das typische Dock, Dock des Stockeinsatzes hinter sich und blickte sich um. Man meinte ein entsetztes Staunen in den Augen zu erkennen und mit letzter Kraft trat der Radpilger in die Pedalen, um die Schmach abzuwenden. So blieb der Abstand kurz gleich, aber die Kraft des Radpilgers war dem Ende zugehend und der Gehpilger ließ nicht locker. Da rettete den Radpilger eine Verflachung der steigenden Straße und er durfte als Erster die Bergwertung überqueren.
Doch was ist das? Auch der leicht unterlegene Pilger Walter kommt lachend ins Ziel und zeigt auf die Brust. Hier ist das Abzeichen des Sponsors zu sehen - das Jakobuskreuz. Nun ist klar warum der Pilger Walter so stark ist. Er ist gedopt mit der Kraft des Jakobuskreuzes.

Mit viel Energie ging es dem Ziel Airexe zu und beim einzigen Hostal fragte ich bangend, ob sie ein Einzelzimmer frei haben. Claro, ist die Antwort. Ich freute mich, aber nur solange, bis ich den Preis für das kleine Zimmerchen mit Bad hörte. 45€ sollte es kosten. Nein, nicht mit mir, da gehe ich lieber weiter. Das sage ich auch und die Vermieterin zuckte mit den Schultern. Sie weiß, wenn ich gehe, kommt der Nächste und der zahlt den Preis.
Ich habe mich schon in der Vorbereitung auf ein mögliches Weitergehen eingestellt. Die Stadt Palas de Rei ist zwar 8Km entfernt, aber das kann ich schaffen. Unterwegs gibt es noch zwei Pensionen und vielleicht finde ich hier etwas, so hoffte ich.
Aber in allen Quartieren war nichts zu bekommen, denn die Zimmer waren vorbestellt und die Gepäcksstücke warten schon auf die Besitzer.
Also weiter bis Palas de Rei und etwa 2Km vor der Stadt sehe ich eine große Hotelanlage mit bungalowartigen Häusern und ich frage auf gut Glück, ob sie Zimmer frei haben und was sie kosten. Ja und die tollen und großen Zimmer kosten nur 28€ inkl. Frühstück. Da hat mein Begleiter wieder gut gearbeitet und so ziehe ich, in einer Hand ein großes Bier, welches ich mir heute verdient habe (35Km), in mein Zimmer ein und bin mit mir, mit dem Tag und der Hilfe von Jakobus sehr zufrieden.

Zu früh gefreut! Wegen des Weitergehens um 6-7Km, glaubte ich, dass ich morgen einen gemütlichen Gehtag habe, aber nein, in meiner Streckenberechnung für morgen, fehlten 9,6Km eines Abschnittes!!! Da hatte ich aber Glück oder Segen, dass ich heute weitergehen musste. Sonst hätte ich morgen dumm aus der Wäsche geschaut. So kann man sich irren und nun gleicht sich Vorsprung und die vergessenen Km fast aus und es wird morgen doch wieder ein 30er.
Euer Pilger Walter

Dienstag, 20. September 2011

Endspurt

Liebe Freunde!

Ja, Ihr habt richtig gelesen. Der Titel des heutigen Tagebucheintrages heißt ENDSPURT. Für mich, der nun schon 2.660Km in den Beinen hat, ist der 100Km-Stein, den ich vor einigen hundert Metern passiert habe, die Aufforderung den Endspurt zu beginnen. Dort wo viele Spanier erst mit dem Gehen am JW beginnen, also 100Km vor SdC, um die begehrte Compostella zu bekommen, die Urkunde, dass man Jakobspilger ist. Ein Viertel aller Jakobspilger bekommt die Compostella nur für diese letzten 100Km und garantiert nochmals ein Viertel der Pilger hat erst in den letzten 100Km begonnen. Damit könnt ihr Euch vielleicht vorstellen, was nun am JW los ist.

Heute am Morgen gehe ich nach 1/2 8 weg und es war noch fast ganz finster und wie es der Teufel will, übersehe ich eine Markierung und mache einige nutzlose Meter. Zum Glück merke ich meinen Fehler bald und es geht zurück und vorbei an x verdutzten Pilgern, die mir gefolgt sind.
Der Weg, den ich zuerst eingeschlagen habe, führt über Samos mit einem interessanten Klosterbau und einer alten Kirche, aber der Weg ist etwa 7Km weiter und da sagen der Hl. Jakobus und der Pilger Walter unisono "Nein". Alles was besichtigungswert ist, aber die Strecke über San Xil ist dafür landschaftlich schöner und viel kürzer.

Natürlich hat die kurze Strecke noch einen Nachteil. Es laufen hier hunderte Pilger. Die ersten 2 Stunden oder 10Km gehen ohne Übertreibung alle 100m 2-3 "Pilger". Kaum habe ich die einen überholt, laufe ich auf die nächsten auf. Es war ein ständiges Grüßen, dass mir aber Spaß macht, weil ich einige praktisch am Weg stehen lasse, besonders bei den Bergaufstrecken.

Wieder sind es Dänen, die mich, nach ein paar Worten, herausfordern einen ordentlichen Jucherzer und sowas ähnliches wie einen Jodler von mir zu geben. Ich mache es von Herzen gerne und denke mir dabei, Jakobus ich komme!
Ich grüße grundsätzlich jeden am Weg, die Einheimischen aus Respekt als Gast hier in dem Land und die Pilgersleute, die mit mir unterwegs sind, und grüße dabei mit fröhlichem Gesicht. Von den Einheimischen bekomme ich sehr oft freundliche Antworten. Nicht so von den Pilgern. Manche gehen so verkniffen und freudlos den Weg, dass ich meine, es muss für sie eine Strafe sein den JW zu gehen. Es kommt auch vor, dass ich keine Antwort erhalte, so wie heute. Auf mein freundliches "Buenos dias" und dem "Buen camino" bekomme ich nichts zurück. Aber nicht mit mir: mit einem steirischen "Buenos dias, hob i g'sogt" (... habe ich gesagt), lasse ich mit lauter Stimme nicht locker. Da kommt brummend von der Dame etwas ähnliches zurück. Ich aber gehe lachend weiter.

Der heutige Gehtag war ein ständiges bergauf und bergab. Zuerst ging es aber einmal kräftig nach oben.
Der Morgen war sehr kühl, aber nach 2-3Km war mir warm genug, um nur im Leibchen aufzusteigen. Dann war die Anhöhe erreicht und es war auf einmal, als habe man eine Backofentüre offen gelassen. Diese warme Strömung erzeugte die aufgehende Sonne und durch die Sträucher wehte nun ein warmer Wind.
Hier oben war es wunderschön und in den Tälern konnte man die Nebelseen erkennen.
Bei den flach einfallenden Sonnenstrahlen sieht man bei den Vorangehenden oft kleine Staubwolken aufwirbeln, den jeder Tritt auf die zentimeterdicke Staubschicht am JW verursacht.
Der Abstieg Richtung Sarria war wieder einmal schwierig und ich war froh, hier nicht bei Regen gehen zu müssen. Über felsige alte Römerwege, wo noch die Karrenspuren zu erkennen waren, musste man hinunterturnen.

Mitten durch einen Hohlweg gehe ich unter einer Eiche durch. Auf einmal fällt mir eine große reife und harte Eichel mitten auf den Kopf. Das tat weh! Zuerst dachte ich, jemand hat einen Stein auf mich geworfen.
Jetzt weiß ich woher der Spruch kommt: "Vor Eichen sollst du weichen und Buchen sollst du suchen", denn gegen Blitze ist er Spruch unwirksam.
Zum Glück hat mich noch keiner der vielen Kastanienbäume beschossen, den deren spitze Früchte liegen auch schon am Weg herum.

In Sarria habe ich eine gute Idee. Ich besuche die örtliche Information und werde fündig. Hier bekomme ich schon den Stadtplan und die Hotelliste von SdC. Da kann ich mich vorbereiten und mir ein passendes Quartier aussuchen. Als Draufgabe reserviert mir die nette Frau bei der Info für heute eine Schlafgelegenheit in einer guten und günstig beschriebenen Miniherberge mit DZ. Somit kann ich den Rest des Tages gemütlich angehen.
Nach einer Mittagsrast und Jause besuche ich die Kirche von Sarria und dann noch das Convento de la Merced des Malteser Ordens. Hier kann man frei eintreten und findet einen prachtvollen Kreuzgang vor und auch die Kirche beeindruckt.
In einer großen Halle findet in Sarria gerade ein Viehmarkt statt, so wie bei uns in der Oberlandhalle, und zugleich ist rund um die Halle ein Markttag, wo die Bauern ihre Produkte feilbieten.

Für heute hatte ich als Ziel den Ort Ferreiros vorgesehen, aber in der Vorbereitung sah ich schon, dass es dort für mich kaum ein Zimmer geben wird und so habe ich 2Km vorher in einer Miniherberge in einem kleinen Nest, Morgade, mir ein Zimmer genommen. Hier ist es günstig und ich habe mein Zimmer. Für heute waren 32,5Km zu gehen und das oft auf und ab.
Morgen kann es auch nocheinmal kritisch werden, ein Zimmer zu finden. Unter Umständen erfordert es ein ordentliches Weitermarschieren.

Gestern, rückblickend gesehen, in Triacastela, war ich am Abend noch bei einer besonderen Pilgermesse. Ich hatte in einer Info davon gelesen, dass der Pfarrer Augusto diese Messen ganz besonders gestaltet. Jeder der Pilger bekommt einen sehr guten 3-seitigen Text über die Beweggründe für den JW und was er sein soll, in seiner eigenen Sprache und der charismatische Pfarrer hat die Texte in 25 Sprachen vorrätig. Genauso bezieht er die verschiedenen Nationen mit den unterschiedlichen Sprachen in die Messe mit ein. Die Lesung und den Pilgersegen wird in allen anwesenden Sprachen von den Pilgern gelesen - ich habe es für Deutsch gemacht.
Auch die Messe läuft ganz anders und viel lockerer ab. Bis zum Kyrie fordete er auf, sitzen zu bleiben, denn die Pilgerfüße sind genug gefordert. Statt der Predigt sollte jeder Messbesucher den verteilten Text mit Gedanken über den JW für sich lesen. Beim Friedensgruß lehnte er das übliche Handshake ab, dass etwas für Politiker ist. Die Gottesdienstbesucher sollen sich dafür umarmen und sich Freundschaftsküsse geben.
Schade war, dass ich von seinen spanischen Worten und es waren viele, nichts verstand, aber die anwesenden Spanier lachten viel.
Den Text, der auch für mich noch gute Gründe für den JW und Gedanken zum Nachdenken enthält, möchte ich nach Spanien als eigenen Post für mein Tagebuch abtippen, dann könnt Ihr Euch damit auseinander setzen. Der Text macht eine weite Umarmung aller Beweggründe und Menschen, geht aber dann immer auf das Wesentliche, den Glauben und Jesus Christus, hin.
Es war eine ganz besondere Messe, die die Menschen ansprach und diese Form ist am JW anscheinend schon bekannt, denn die kleine Kirche war voll von Pilgern.

Nun sind es nur mehr 4 Gehtage und knapp 100Km zu zum Gehen. Das ist etwas was den Pilger Walter sehr erfreut.
Ich grüße Euch,
Euer Pilger Walter

Montag, 19. September 2011

Oh Krepiero

Liebe Freunde!

Bei Temperaturen knapp über Null Grad wartete heute eine 30Km lange Etappe mit einem Berg auf mich. Schon im Ort Herrerias begann es zu steigen. Zuerst noch auf der Straße und dann vor und nach La Faba auf steilen Gehwegen. Dieses Teilstück war echt fordernd und der Rest war eine normale Bergtour. Zum O-Cebreiro-Pass hat man ca. 600Hm zu ersteigen. Bei den untrainierten deutschen Pilgern heißt der Berg "Oh-Krepiero". Mir hat der Anstieg Spaß gemacht und einige Kurzbegegnungen brachten mir Anerkennung fürs Gehen und Bewunderung für meinen Weg.
Mit einer Südafrikanerin, deren Großvater Deutscher war, gehe ich einige hundert Meter und erzähle, dass mein Sohn Peter gerade in SA Urlaub macht und auch auf den Tafelberg gegangen ist und sie wohnt beim Anstieg auf diesen Berg.
Schon weit oben überschreitet man die Grenze zu Galicien, der westlichsten Region meines JW. Ein Grenzstein dokumentiert diesen symbolischen Übertritt. Von hier gibt es auch alle halben Kilometer einen Km-Stein, der die Entfernung bis SdC anzeigt. Von der Grenze sind es noch etwas mehr als 150Km zum Gehen.

In O Cebreira ist ein Touristenrummel. Zwei Autobusse haben einen Schwall Touristen in den Ort geschwemmt und die Kirche gleich voll. Zum Beten ist es dann besser, die Augen zu schließen und man wird so nicht abgelenkt. Vor der Kirche treffe ich 3 Tiroler Radfahrer, die begeistert sind, endlich einen Österreicher zu treffen und dass der ein "richtiger Pilger" (so ihre Aussage) ist, müssen sie mit Fotos dokumentieren.

Heute ist ein traumhaftes Herbstwetter und die Sicht auf die umliegenden Berge und auch in die Ferne war wunderbar. Ich kann mich gar nicht satt sehen. Die Landschaft ist von einem satten Grün geprägt und hat oft österreichische Formen. Die grüne Natur kommt von dem vielen Regen, den die feuchte Luft vom Atlantik in den Bergen auslöst. So hoffe ich, dass ich die letzten Tage mit dem schönen und trockenen Wetter weitergehen kann.

Es mir heute besonders aufgefallen, die Hunde liegen hier alle faul am Weg und es gibt, so wie in ganz Spanien, hier keine Hundeangriffe. Sie hätten dabei auch sehr viel zu tun. Da sage einer, Hunde wären nicht lernfähig.

Vom Cebreiropass darf man wieder ein Stück hinunter gehen, um wieder hochzusteigen und das zweimal. Dann endlich steht man am höchsten galicischen Punkt mit 1.337m und dort ist strategisch günstig eine Bar, die zur Stärkung einläd. Ich halte auch meine Mittagspause dort und bin aber eingekeilt zwischen lauten Spaniern und Deutschen, die ihr Wissen allen kundtun.
Beim baldigen Weitermarschieren komme ich vom Regen in die Traufe. Hier gehen Massen an "Pilgern" und für die Spanier ist das ein Familienausflug. Es ist oft kein Weiterkommen, ganz besonders in einem kleinen Ort. Da treffen die Herden von Pilgern auf eine entgegenkommende Herde von Kühen, die zu ihrer Weide wollten. Furchtlos, schließlich bin ich im Umgang mit den Rindviechern schon erfahren und ich kann auch meine Stöcke einsetzen, gehe ich an Mensch und Tier vorbei und habe einen Schwung Mitpilger abgeschüttelt.
Im Tross der Pilger treffe ich auch "alte" Bekannte. Ein reizendes junges Mädchen mit endlos langen Zöpfen traf ich oft Tag für Tag. Sie ging immer einsam und verschlossen dahin und ihre Grußantworten waren knapp. Einmal habe ich sie angesprochen und mit wenigen deutschen Worten, die sie kann, tauschen wir unsere Daten aus. Sie ist Tschechin und seither lächeln wir uns immer zu, wenn ich an ihr vorüber gehe. Nun habe ich sie schon mehr als eine Woche nicht gesehen. Und heute geht ein junges Paar vor mir händchenhaltend. Da sehe ich die langen Zöpfe, es ist die Tschechin und sie nun nicht mehr alleine. Ihre Hand hält nun ein junger blonder Bursche, auch mit langen Haaren. Ja, auch Gott Amor pilgert am JW. Wie wohl der Camino durch die rosarote Brille betrachtet, aussieht und wie wohl das Erleben des Weges ist, wenn die Schmetterlinge nicht nur vom Weg auffliegen, sondern auch im Bauch flattern?
Ich freue mich für sie und ihr grüßendes Lachen war heute noch herzlicher. Buon Camino fürs Leben!

Mit diesen Gedanken schließe ich meinen heutigen Bericht. Der Rest des Bergabgehens nach Triacastela war von der Landschaft her schön, aber erreignislos. Einfach nur bergabmarschieren.
In einer Herberge bekomme ich wieder ein Zimmer für mich und muss dafür 35€ hinlegen.
Euer Pilger Walter, der nach 30Km und der Bergetappe doch auch ein wenig müde ist.

Sonntag, 18. September 2011

Rockkonzert

Liebe Freunde!

In Villafranca gab es wie auf Bestellung ein mehrtägiges Fest - das Fest des Kreuzes. Wobei der Progammpunkt mit der Kreuzprozession schon vor Tagen war. Am Freitag kam es zu einem Rundgang und zum Tanz von mehr als 20 Riesenfiguren a la Samson in Murau, die historische Personen darstellen und die etwas kleinere Figuren, die Märchen- und Filmfiguren verkörpern. Die ganz großen Figuren wurden von jungen Männern getragen und getanzt und die kleineren von Kindern. Dieser Programmpunkt war besonders auf die Kinder ausgerichtet, für die es auch eine Reihe von Betätigungsfeldern gab.
Und wie bei jedem spanischen Fest gab es am Abend im Park ein Freiluftkonzert, bei dem die Menschen am Platz getanzt haben.
Am Samstag standen auch einige Veranstaltungen am Programm, die aber nicht mein Interesse weckten oder nicht in der Innenstadt stattfanden.
Nur um einen Programmpunkt tat es mir echt leid. Die angekündigte "Noche de Pop Rock" sollte ab 23h als Openair-Veranstaltung beim Casa de la Cultura stattfinden. Ich liebe Rockkonzerte, doch wo ist das Kulturhaus? Traurig, dass ich um "mein" Rockkonzert komme, beschließe ich dann doch schlafen zu gehen und will von der Welt nichts mehr hören. Die zwei Ohrstöpseln sollen mir dabei helfen.
Mitten in der Nacht, es war 1/2 2, werde ich munter. Geht gerade ein Gewitter mit Donner nieder? Nein, es ist mein Rockkonzert und es findet gleich eine Häuserreihe von meinem Hotel entfernt statt! Deshalb wurde auf dem Platz gestern so eifrig gearbeitet. Nun weiß ich auch wo das Kulturhaus ist (für nach mir Reisende gleich neben der Kirche Santa Maria und unterhalb des Parkes).
Welch ein Pech und Glück zu gleich. Ich verschlafe doch glatt den Beginn des Rockkonzertes, doch zum Glück (oder war es umgekehrt) kann ich dem restlichen Musikgenuss bequem und fußschonend in meinem Bett verfolgen. Diese Musik gibt was her und ich bin in meinem Element. In meiner Begeisterung vergesse ich doch tatsächlich die Ohrstöpseln herauszunehmen und verzichte somit auf 1 bis 2 Dezibel an Musikgenuss. Seelig lausche ich der gewaltigen Musikkulisse und mein Körper ist aufgeputscht von den Bässen.
Doch was ist das? Lärmende Stille! Die Weicheier hören doch glatt schon um 3:30 auf und dabei wurde dieses Spektakel doch als "Noche" angekündigt und die Nacht geht bei mir immer noch bis zum Hellwerden und das ist hier und zu der Jahreszeit nicht vor 1/2 8 Uhr morgens. Grollend wälze ich mich nun mit der angebrochenen Nacht in meinem Bett herum und versuche aus meinem Inneren die vollgedröhnte Musik wieder hervorzuholen, aber irgendwann bin ich dann doch eingeschlafen.
Das war sicher eines der Highlights meines JW oder so ähnlich!

Am gestrigen Ruhetag habe ich meine letzten 7 Gehtage geplant und das war nicht einfach, denn die Quartierfrage und die Etappenlänge passten oft nicht zusammen. Es gibt auf den letzten Km zwar reichlichst Herbergen, doch die ... (Ihr wisst schon). Unter Umständen muss ich oft einige Km weitergehen, damit ich zu meinem gewünschten Zimmer komme. Man wird ja sehen!
Heute habe ich z.B. meine Etappe um ca. 4,5Km verkürzt und habe in Las Herrerias genächtigt, weil in La Faba vermutlich keine Zimmer zu kriegen sind. Diese Km muss ich morgen aufholen und morgen steht zusätzlich der Cebreiropass am Programm.

Natürlich habe ich mich auch in Villafranca umgeschaut. Es gibt hier 6 Kirchen zu besichtigen (sofern ich alle gefunden habe). Über die romanische "Santiagokirche" habe ich schon berichtet, aber auch die Kirchen wie die San Fransisco und das Colegiata de Santa Maria sind sehr bemerkenswert. Die Kirche Santa Maria ist von ihrem mächtigen Baustil eine Wucht. Hier konnte ich am gestrigen Abend eine Messe mit Pilgersegen besuchen.

Heute morgen gab es gleich nach der Brücke über den Fluss Burbia eine Wegentscheidung. Entweder die etwas kürzere Strecke immer entlang der Straße oder die 1,5Km längere Bergetappe, die landschaftlich viel schöner sein soll und es auch ist. Vor einem Berg drückt sich der Pilger Walter nicht und ich verzichte auf die allgemein als nervig beschriebene Talstrecke.
Von der Weggabelung nach der Brücke ging es in Schweizer Manier sehr steil nach oben und erst nach einem Km etwas gemäßigter steil weiter (300Hm in kurzer Zeit). Die Aussicht zurück auf Villafranca ist sehr schön, nur die Sicht war durch das wolkige Wetter nicht besonders. Entlang des unteren Abschnittes des Aufstiegs wachsen viele wilde Edelkastanienbäume, deren Früchte teils schon reif werden.
Die Aussicht nach vor und auch seitlich auf die Berglandschaft ist grandios. Leider aber nicht die Aussicht auf die dunkle Regenwolken - Jakobus hilf bitte. Jakobus half auch. Gleich nach der Ankunft hat es zu regnen begonnen!
Tief im schmalen Tal schneidet die Autobahn durchs üppige Grün und durch die Berge. Und nebenan, den schattigen Talverlauf folgend, begleitet die Nationalstraße mit dem durch eine hohe Betonwand getrennten JW den Fluss. Man sieht von oben sogar das braune Band des Weges und auch die Betonmauer ist zu erkennen. Bin ich froh, dass ich die schöne Bergvariante genommen habe.
Oben am entlang des Bergkammes, auf über 800m, wachsen tausende Bäume einer Edelkastanienkultur.

Bei der Bar in Trabadelo, also wieder im Tal, treffe ich zwei ältere Herren, die einen unverechselbaren österreichischen Akzent sprechen und ich setze mich zu ihnen. Beide sind über 70 und kommen aus Wien, und wollen den JW beschnuppern. Das heißt, sie gehen von Leon organisiert (Hotel und Gepäcktransport) bis SdC. Nach einem netten Gespräch bezahlt der Musikprofessor auch mein Bocadillo und mein Bier. Da kann ich als Pilger nur herzlich Danke sagen.

Nun ging auch mein Weg, mangels Alternativen, entlang der Straße und durch das schmale Tal. Örtchen um Örtchen durchquert man und die dunklen Wolken drohen vom Himmel. Ich hatte eine Dauerverbindung nach oben hergestellt und bitte, nicht nur für mich, sondern für alle Pilger am JW, um ein trockenes Gehen. Es hat zumindest bei mir geholfen.
Ein lebhafter und kühler Wind ließ die Temperatur heute niedriger erscheinen, als sie war. Einige Laubbäume haben auch schon ihr Laub verfärbt und die ersten gelben Blätter wirbeln durch die Luft.

In der Casa Rual El Capricho de Josana finde ich ein tolles Zimmer, fast schon ein Luxus, zumindest was die Sanitärartikel im Bad betrifft (vom Rasierer, über die Zahnbürste und -paste bis zu einer Auswahl an Duschgels ist alles da). Das Zimmer kostet inkl. Frühstück aber 40€. Ich nehme jetzt was ich nur kriegen kann und die Preise sind entsprechend der Nachfrage. Mein Hotel in Villafranca war z.B. jeden Tag ausgebucht.
Wenn ich bedenke, dass ich in Herbergen für ein eigenes Zimmer den DZ-Preis, auch von 40€ und das ohne Frühstück zahlen musste, dann ist der Preis relativ. Dafür wird das Essen günstig sein, das Menü wird um 8€ angeboten. Ein kurzes Spiel der Kräfte hat es beim Eincheken noch mit dem Wirt gegeben. Ich muss morgen 32Km gehen und will früh los, also ab 1/2 8. Der Wirt meinte, das Frühstück gibt es erst um 8h und das ist mir zu spät. Ich könne ein Lunchpaket haben, aber das passt mir nicht und ich packe den Reisepass ein und signalisiere, dann gehe ich weiter. Damit bekomme mein Frühstück doch um 1/2 8 und das passt mir.

So, liebe Freunde, nun werde ich noch 6 (in Worten "sechs") Tage gehen und ab dem 7. Tag werde ich ruhen. Das sagt Euch,
Euer Pilger Walter

Freitag, 16. September 2011

Ein Pilger aus der Steiermark

Liebe Freunde!

Heute morgen war der Himmel nach den gestrigen Regenschauern überwiegend bedeckt.
Wegen des Regens habe ich gestern meine Wäsche zum Trocknen 2x am Minibalkon und 2x im Zimmer aufgehängt. Beim beginenden Regen schnell herein ins Zimmer, dann wieder hinaus auf den Balkon und vorm Schlafengehen wieder alles im Zimmer aufhängen. Und so war die Wäsche am Morgen wieder trocken.
Das Anbringen der Wäscheleinen gehört täglich zu den logistischen Herausforderungen. Alle möglichen Halterungen werden zum Festbinden der Leine verwendet, so wie Fernsehgerätehalterungen, Kastengriffe, Tür- und Fensterangeln, Lampenschirme und auch die dünnen Luftschlitze der Rollläden müssen als Wäscheleinenbefestigung herhalten. Dass ich dabei oft wie ein Affe herum klettere, könnt Ihr Euch vorstellen. Es wäre etwas für die Sendung "Mit versteckter Kamera".
Auch jetzt, in meinem Zimmer in Villafranca del Bierzo baumelt die nasse Wäsche im Wind zwischen den Fensterflügeln.

In diesem Teil des spanischen JW sind nun die meisten Kirchen geöffnet und es wartet auch jemand, um die Pilgerpässe abzustempeln.
Eine kleine, aber sehr liebe Kirche in Columbrianos hat um 1/2 9 schon offen und die "Helga" (unsere Vorsitzende und Fee der Jakobigemeinde) dieser Kirche putzt das Gotteshaus für den Sonntag. Zusätzlich stempelt sie auch die Pässe ab. In dieser Kirche ist besonders beeindruckend der geschnitzte und naturbelassene Altar.
So kann ich heute fast in jedem Ort eine offene Kirche finden und mich so immer mehr auf mein Ziel SdC vorbereiten.

Einen Tempel der anderen Art besuche ich in Camponaraya. Hier ist am Ortsrand die Bodega de Bierzo mein Ziel. Ich muss hier den Wein der Region, der in Folge massenhaft angebaut wird, verkosten. Diesen Tipp habe ich aus meinem Führer, aber auch ein Schild weist darauf hin.
Der verkostete Weißwein ist nicht mein Geschmack, aber zu dem angebotenen pikanten Teigtaschen schmeckt er dann doch. Der Rosewein hat eine gute Note und mundet sehr gut. Ich bitte dann noch um einen guten Qualitätsrotwein und bekomme einen ausgezeichneten Reserva kredenzt. Für meine weinliebenden Söhne die Daten:
"Gran Bierzo / Tinto Mencia / Reserva 2004". Der Wein kann was und den würde ich gerne am Abend zum Essen trinken. Aber auch der zum Essen angebotene und immer gekühlte "Tinto de Mesa" schmeckt mir hier in Spanien.
Nach dieser Verkostung brauche ich kein Red Bull um Flügel zu bekommen, die drei kräftigen Proben guten spanischen Weines, lassen den Pilger Walter auch auf Wolken schweben. Kein Stein am Weg kann den Füßen etwas ausmachen. Ob das ein bewährtes Mittel gegen feurige Fusssohlen ist?

Wenn man an spanischen Wein denkt, dann wird der Wein aus Rioja sehr präsent sein. Aber viele Regionen haben ihren eigenen Wein und sicher auch ihre eigenen Sorten.
Der Wein aus der Region Bierzo muss aber auch einen großen Stellenwert haben. Es gibt hier riesige Weingärten und Weinberge. Zwischen Cacabelos und Villafranca nahm ich einen Umweg über einen ruhigen Streckenverlauf in Kauf und marschierte die ganze Strecke (ca. 8Km) nur zwischen den Weingärten hindurch. Überall sieht man schon die Menschen bei der Weinernte.

Nun findet man in den Orten oft hohe Steinkreuze mit Darstellungen des gekreuzigten Jesus und auf der anderen Seite vom Hl. Jakobus. In Richtung SdC gehend sieht man den Jakobus, man geht ja auf ihn zu und beim Rückweg sieht man dann Jesus am Kreuz. Man war in SdC und hat das Heil gesehen.

Vor Cacabelos treffe ich am Weg zwei junge Burschen und aus ein paar Gesprächsfetzen höre ich den österreichischen Dialekt heraus. Ich stelle mich vor und lerne somit Matthias aus Salzburg und Lukas aus Ratten in der Steiermark kennen. Sie haben sich auch getroffen und gehen nun den Weg gemeinsam. Und jeder der beiden Burschen geht von Zuhause den ganzen Weg (Lukas über Graz und Marburg). Das nötigt mir Respekt ab und wir kommen ins Plaudern. Matthias beginnt in Wien mit dem Physikstudium und Lukas wird ab Oktober in Graz Priesterstudent werden.
In Cacabelos möchte ich eine Jausenpause einlegen und ich lade die sympathischen jungen Burschen zu einem Getränk ein. Ich will einfach mit diesen jungen Menschen, die diesen Weg beschreiten, etwas plaudern. Lukas hat schon 4 Jahre im Seminar in Graz verbracht und wurde für den Weg auch vom Regens des Priesterseminars gesponsert. Er meint, dass ihm auf dem Weg vieles klarer geworden ist und er sich seiner Berufung nun noch sicherer ist.
Beide Burschen beklagten auch die Zustände am JW. Das was da in der Oberflächlichkeit des Laufens abläuft hat mit Pilgern nichts zu tun - so ihre Worte. Und sie haben auch ihre Probleme mit dem Auftreten der Menschen aus gewissen Nationen (ohne dass ich da ins Detail gehen möchte). Das sind Beobachtungen von Menschen, die noch keine 20 Jahre alt sind.
Mir hat die Stunde mit diesen jungen Menschen, die unsere Zukunft sind, sehr viel Kraft geschenkt und ich habe ihnen für ihren (Lebens)Weg meine besten Wünsche mitgeben.
Wir sind dann getrennt weiter marschiert, weil wir auch andere Etappenziele hatten.

In Villafranca del Bierzo, dem kleinen Santiago de Compostella, finde ich wieder ein sehr gutes Zimmer, nicht ganz billig, aber für meinen morgigen (letzten) Ruhetag will ich ein gutes Zimmer haben, wo ich mich auch wohlfühle.
Die berühmte romanische Kirche habe ich schon beim Einmarschieren in den Ort kurz besucht. Wer bis hierher gepilgert ist und aus gesundheitlichen Gründen nicht weitergehen kann, bekam schon hier den Ablass. Darum auch der Name Santiago-Kirche.

Ich hole mir morgen noch die Kraft, um auch den letzten Teil meines Weges (etwa 180Km) zu schaffen und mit Gottes Segen und Jakobus Hilfe wird mir das auch gelingen.
Mit dieser Aussicht muss ich sagen, mir ist ein großer Segen zu Teil geworden und ich bin sehr dankbar.
Euer Pilger Walter
PS: Es geht mir sehr gut und morgen ist wieder Schreibpause

Donnerstag, 15. September 2011

Ein Jakob!

Liebe Freunde,
heute muss ich von einem großen Glücksgefühl berichten.
Ich gehe schon früh (7:20) von meinem Quartier weg, um am Crux de Ferro den Sonnenaufgang zu beobachten und ich habe ihn erlebt, aber auch einen ganz anderen Sonnenaufgang und der hat mich viel mehr berührt.
Mitten am Weg, noch im Finstern, aber der Weg war gerade sichtbar geworden, kommt zu früher Stunde ein SMS. Das muss etwas Besonderes sein und es war auch eine wunderbare Nachricht. Freunde von mir, es sind die Kinder unserer langjährigsten Freunde und meine fleißigsten Tagebuchkommentierer, wurden heute morgen zum 3. Mal Eltern und es ist ein Jakob! Ihr könnt Euch nicht vorstellen, welche innerliche Freude mich da überwältigte. Ich bin am Jakobsweg und ein Jakob wird geboren.
Den Stein, den ich vom Kirchhof in St. Jakob mitgenommen habe, habe ich im Namen meiner Freunde für den kleinen Jakob abgelegt. Meine Gebete am heutigen Tag gehören dem Jakob und seiner Familie. Das war einer der schönsten Sonnenaufgänge, die man erleben kann.
Ich wünsche dem Jakob den Segen Gottes für sein Leben und der Hl. Jakob möge seinen Lebensweg begleiten, so wie der den meinen Lebensweg und meinen Jakobsweg begleitet.

Viele Pilger haben ihren Weg so geplant, dass sie auch den Sonnenaufgang beim Crux de Ferro miterleben können. Zwar behinderten ein paar Wolken im Osten den ungetrübten Aufgang der Sonne, aber trotzdem kamen alle auf ihre Rechnung und tolle Stimmungen zeigten sich am Himmel. Beim Kreuz selbst, zeigten sich alle möglichen menschlichen Stimmungen, von tiefer Ergriffenheit bis zum lauten Hallo.
Einen Stein, ca. 7cm groß und vom Kirchhof in St. Jakob, trug ich seit mehr als 2.500Km mit mir herum. Das Ablegen dieses Steines soll das Ablegen der Lasten symbolisieren. Ich habe ihn stellvertretend für die junge Familie und ihren Eltern ans Kreuz gelegt.
Abnormal ist aber, was bei dem Kreuz noch alles deponiert wird. Der hohe Stamm schaut eher einer Mülldeponie gleich, was Spassvögel hier entsorgen und dann glauben, es ist lustig.

Der Punkt Cruz de Ferro soll mit 1.517m der höchste Punkt des Camino Frances sein. Das kann aber nicht stimmen. Man geht dann durch eine schöne Berglandschaft etwas bergab, um dann viel mehr wieder hochzuteigen auf einen anderen Gipfel. Im Höhenprofil des Führers ist das auch so zu erkennen. Aber es ist auch egal, wie hoch man oben war. Wichtig ist, dass man diesen Berg erklommen hat (der lang verlaufende Anstieg war nicht schwierig) und was man dabei fühlt.
Mein Denken ging heute immer zum jungen Jakob.

Die Landschaft ist eine wildromantische Bergwelt. Ringsum sind bewaldete Berge und tiefe Täler zu sehen. Man kann sich nicht sattsehen. Dafür bereitet dann der Abstieg einige Mühe. Es geht oft recht steil bergab und die Wege sind eine reine Büßerstrecke. Sehr viel Geröll und Felsenteilstücke erfordern höchste Aufmerksamkeit und es ist anstrengend zu gehen. Meinen Füßen behagte das überhaupt nicht. Ist das ein Wunder, nach 2.500Km des Gehens? Dafür hat sich mein Knie die letzten Tage gebessert und machte auch heute keine Probleme und es waren heute in Summe doch ca. 1.200Hm zum Absteigen.

Im ersten Dorf beim Abstieg, in El Acebo, fand ich eine kleine Kirche mit prächtigen Altären und jemand wartete auch mit dem Stempel für das Credencial. Hier in dieser Kirche, weit weg von zu Hause, kann ich dem neuen Erdenbürger meine Gebete widmen.

Heute finde ich wieder einige Gedenksteine für verunglückte und verstorbene Pilger. Ein Kreuz war einem über 80-jährigen gewidmet und eine Radstatue steht für einen hier verunglückten Radfahrer. Das sind dann berührende Augenblicke, wenn man daran denkt, wie endlich das Leben ist.

Beim Bergabgehen durch das Nachtigallental, ich habe keine gehört, sah ich schon die Bevölkerung die Nussernte einzusammeln. Und bald werden auch die Esskastanien hier reif sein. Das sind, glaube ich, die einzigen Früchte, die hier der Boden hergibt.

Im Dorf Molinaseca besuche ich rechter Hand eine schöne Marienkirche und beim Weitergehen sieht man auf der anderen Talseite eine mächtige Kirche auf einem kleinen Hügel thronen. Es ist genau 12h und von dieser Kirche tönt ein sehr schönes Glockenspiel durch das Tal. Die Glocken spielten die Melodie "Ave, ave, ave Maria". Das war ein schöner Moment mit diesem Glockenspiel über die Römerbrücke in den Ort einzuziehen.
Am Rande des Ortes war eine Herberge, die etwa 10 Stockbetten im Freien unterm Vordach bereitstellte. Das muss man auch mögen. Wobei hier Schnarcher und Stinker kaum eine Rolle spielen.

Beim Auszug aus diesem Ort sah ich eine finstere Wolke am Himmel und ziemlich übern JW. Rundherum war blauer Himmel und die ersten Tropfen fielen. Eigentlich war es mit Jakobus gegenteilig ausgemacht. Immer wieder kamen kurze Regenschauer und ich überlegte, brauche ich den Regenschutz und gehe doch ungeschützt weiter.
Nach zwei Km biegt der offizielle JW nach links ab und geradeaus ginge es auf kürzeren Weg entlang der Straße nach Ponferrada hinein. Ich bleibe doch am JW und soll das noch bereuen. Gleich darauf waren die ersten Donnergroller zu hören und ich blicke zurück. Da kommt eine Front heran und treibt mich mit kleinen Regengüssen nach vor und man geht aber endlos einen weiten Bogen rund um die Stadt Ponferrada. Immer etwa 2Km entfernt umkreist man die Stadt und hinten lauert das Gewitter. Da kommt Ärger in mir auf. Auf mich, dass ich diesen Weg genommen habe und auf die Wegverantwortlichen. Diese Wegführung rund um die Stadt und durch andere und nichtssagende Dörfer ist reine Kilometerschinderei und macht wenig Sinn. Das ist auch immer unter dem Aspekt brennender Füße und drohendem Regen zu sehen.
Ich erreichte Ponferrada doch noch trockenen Fußes und gleich nach der imposanten Templerburg finde ich die Tourismusinfo. Die zeigen mir auf einem Plan die möglichen Quartiere, gut verstreut über die ganze Stadt, aber ich bekomme keine Preisinfo. Soll ich jetzt von Hostal zu Pension fragen gehen, damit ich ein günstiges Zimmer finde? Nein, ich frage gleich 100m weiter in einem Hostal und der Preis ist mit 40€ gerade an der oberen Schmerzgrenze. So ziehe ich hier ein und freue mich im Trockenen zu sein, denn immer wieder gehen jetzt kurze, aber intensive Regengüsse, sogar mit etwas Hagel, nieder.
Wenn das Wetter besser wird, kann ich noch in der Altstadt, ich wohne hier direkt, etwas bummeln.

Das war mein heutiger Bericht von einem etwas anstrengenden, aber schönen Tag.
Euer Pilger Walter

Mittwoch, 14. September 2011

Der Countdown hat begonnen 9,8,7...2,1,Zero

Liebe Pilgerfreunde,
Ihr dürft für mich laut herunter zählen. Nun sind es nur mehr 9 Gehtage bis zum Ziel. Es ist für mich selbst unglaublich, dass ich es so weit und bis kurz vors Ziel geschafft habe.

Gleich nach Astorga wunderte ich mich, warum einige Pilger auf die andere Straßenseite wechselten und dann sehe ich es warum. Am Straßenrand steht eine kleine Kirche, die Ermita del Ecce Homo. Schon zu so früher Stunde ist sie offen und eine ältere Frau stempelt die Pilgerpässe ab und verteilt kleine Kärtchen mit einem Marienbildnis und einem Gebet. Sie bittet auch, seine Daten in ein Buch einzutragen.
Die Pilger vor mir, betreten die Kirche gerade einmal einen Meter, bis hin zum Tisch der Frau, damit ihr Pass abgestempelt wird und das eigene Ego befriedigt wird. Für die Kirche selbst oder ein Gebet für ihren "Pilgerweg" verschwendet keiner einen Blick oder einen Gedanken. Lieber Jakobus schau weg, was da in Deinem Namen passiert.

Noch in Astorga beim Hinausgehen fand ich eine Bar, wo ich gemütlich frühstücken konnte. Beim Essen beobachte ich auf der Straße die Pilger, die im Finsteren vorbei eilen und im Lokal fällt mir ein schweigsames Pilgerduo auf. Zwei ältere Herren, die ich auch am Weg schon ein paarmal getroffen und gegrüßt habe, aber von denen ich kaum eine Antwort erhalten habe. Sie sind mit ihrem Frühstück früher fertig und ziehen weiter. Aber schon nach ca. 4Km, im nächsten Ort, sehe ich sie bei einer Bar sitzen und sie nehmen gerade ihr zweites Frühstück ein. Bei der Essensfrequenz werden sie lange für den Weg brauchen und sie werden nicht nur hinten einen Rucksack haben.

Es ging heute leicht ansteigend durch eine unfruchtbare Gegend, die Maragateria, die aber einen kargen Charme ausströmt. Im milden Licht der Morgensonne ist diese Landschaft besonders reizvoll.
Da höre ich ober mir von einer Stromleitung einen Vogel sein langgezogenes "Triiiriit" unablässig rufen. Kurz bleibe ich stehen und beobachte ihn und höre seinen seltsamen Rufen zu. "Was willst du mir sagen, kleiner Vogel? Guten Morgen?" Den wünsche ich dir auch.

"Düdeldüü, düdeldüü". Der Camino-Funk bringt folgende Meldung:
"Stau am ansteigenden Teil des Caminos vor Sta. Catalina de Somoza" Die Pilger werden zur Vorsicht gebeten und mögen Platz machen, damit der schnelle PGV seinen Zeitplan einhalten kann. Die Pilger werden auch aufmerksam gemacht, sich auf Grund des Stauverhaltens rechtzeitig einen Baum zum Austreten zu suchen. In diesem überfüllten Streckenabschnitt wird das Gehen sonst zur Qual".

Der Boden in diesem Landstrich läßt keinen Ackerbau zu. Hier wuchs nur mehr hohes Gras, welches sich nun trocken und gelb im Wind wiegt. Viele Büsche und einige niedrige Bäume gibt es. Etwas später gibt es auf der rechten Seite einen Pinienwald mit in Reih und Glied gepflanzten Bäumen und linker Hand leuchtet eine weite Fläche mit voll blühenden Erikastauden.
So wechselt auch in diesem kargen Land die Vegetation. Es wachsen dann noch niedrige Eichenbäume und Ginsterbüsche. Mir gefällt diese Landschaft, die durch die Vormittagssonne schöne Schattenspiele generiert und der azurblaue Himmel ist dazu ein toller Kontrast.

Beim schwierigen Anstieg nach Rabanal del Camino begleitet für mindesdens einen Kilometer ein Maschenzaun den Weg. Hier haben wieder ungezählte Pilger in den Zaun improvisierte Holzkreuze geflochten - wie schon vor n Tagen und vielen Km, die Orte selbst kommen mir schon durcheinander. Es sind hier sicher viele hunderte Kreuze aufgereiht.
Ich habe mich bei dieser Kreuzmanie nicht beteiligt. Meine Kreuze beginnen bei der Stirn, gehen zur Brust und dann links und rechts zu den Schultern. Und das bei jedem Wegkreuz und jeder Kirche. Das waren auch schon tausende Kreuze.

In Rabanal des Camino finde ich eine Bar für die körperliche Stärkung und dann auch eine offene, wenn auch mit einem Eisengitter gesicherte Kirche, für die seelische Stärkung. Das Kircheninnere ist mit prunkvollen Altären sehenswert. Beim Vorbeigehen an diesem Kirchlein würde man diese Pracht hier nicht vermuten.
Und weiter ging es zum Etappenziel Foncebadon, kurz vor dem Cruz de Ferro. Zuerst langsam ansteigend und dann auch über steile und unwegsame Wege gehend, führte heute der Weg etwa 560Hm nach oben. Foncebadon liegt in einer Höhe von 1.424m und ist nur eine kleine Ansammlung von etwa 10 Häusern, davon sind vier Herbergen und ein Hostal. Viele verfallene Häuser zeugen von einer besseren Zeit. Der Bergort war früher eine wichtige Pilgerherberge und im 10. Jahrhundert fand hier sogar ein Kirchenkonzil statt. Erst seit dem Jahr 2000 geht es mit Foncebadon langsam bergauf.
Ich bin glücklich, in diesem Ort mit nur einem Hostal, mein gutes, wenn auch nicht billiges Zimmer, bekommen zu haben.

Somit geht es dem Pilger Walter sehr gut und er schickt von den Bergen ein fröhliches Juhei nach Hause.
Euer Pilger Walter